Wie ich Tim Berners-Lee etwas über Open Patent Data erzählte, beinah…

Noch Lyon, 7:18, Tag 201

Heute Nacht von Rennen geträumt, erst auf der Autobahn mit einem Typen, der fährt und erst sich und dann mich erschiessen wollte, mit einem Jagdgewehr, im Auto, während er fährt! Das Ding war soo sperrig, dass geht nur im Traum. Später dann in der Asche eines ausbrechenden Vulkans rumgerutscht. Auf auf ein 4.000PS Motorboot umgestiegen, einen Fluss langsam entlang gesurrt und dann im Hafen richtig aufgedreht. Käptn sagte, das muss so. Beim Umstieg in ein – mit einem 180PS Aussenboarder – bestückten Ruderboot bin – schade, schade – leider aufgewacht…

Gestern nun um zwei Uhr meine „Paneldiscussion“. Ich Blödi hab vergessen, das aufzunehmen und prompt, lief es ganz gut. Die Leute blieben dabei, haben geklatscht, die Mitpanelisten gelobt und sogar Wendy Hall hat sich gefreut und anschliessend meinen Beitrag gewürdigt und irgendwas von „you’re natural speaker“ gesagt.

Eingleitet habe ich übrigens mit dem spontanen und im Rückblick vielleicht etwa provokaten Satz: „My name is Arne and I’m  not a scientist. I’m a business guy and I actually make money out of open data!“ Danach haben alle zugehört… 😉

Hier die Slides:

(Seh gerade, dass die Slides schon über 500 Views haben…  hossa!)

Ich war ganz schön aufgeregt, hatte vor und nach einer grossartigen Keynote von Bernard Stiegler u.a. über die Transformation unseres Reading Brain into a Digital Brain die Präsentation von zwölf auf die verbleibenden fünf Slides zusammen gestrichen, alle Screenshoots und Bilder einfach rausgenommen. Es sollten einfach meine Stichpunkte sein, die alle mitlesen sollten. Ich hatte ja nur auch zwölf Minuten (und habe 12:31 gebraucht).

Kurz vor dem Panel traf ich Hugh Glaser wieder, der übrigens gerade mit seinen Tools versucht, die IPC/ECLA in eine URI/RDF Strukturen zu überführen. Er sagte mir nebenbei folgendes: Hey, Arne, the panel is great, 80 people, nice discussions, even Tim (Berners-Lee) is there…

What? Ich fiel fast um! Das hat alle Reserven aktiviert, mich dermaßen aufgeregt und wach werden lassen. Ich wollte wegrennen und es gleichzeitig nun ganz extrem toll machen. Und ich hatte einfach Riesenschiss, mich zu blamieren.

Gleichzeitig dachte ich, dass ist die Chance, Open Patent Data zu promoten! Das ist die Chance, dem Erfinder des Web von den Erfahrungen zu berichten und zu erklären, dass die Patentämter und die darum entstandene Patent Information Provider schon seit 15 Jahren Open Data machen! Dass es trotz aller Kritik am System und all dem Missbrauch, der durch die Medien gepusht wird, doch so ist, dass über 70 Millionen strukturierte, klassifizierte, verlinkte, übersetzte, kontrollierte Beschreibungen und Zeichnungen von allen patentierten technischen Erfindungen der Industrialisierung: online, (almost) for free, über RESTful API’s, in XML und PDF hier verfügbar sind. Was für eine Chance!

Hugh merkte schnell, was er da angerichtet hatte, grinste nur: Oh, now you are excited

Irgendwie war Tim dann aber doch nur am Vormittag in der OPENDATA-WEBSCI Session dabei und nun schon auf dem Heimweg. Schade! Aber ok, so weiss ich nun wenigstens, wie ich mich in einen guten Präsentationszustand versetzen kann: einfach vorstellen, Tim Berners-Lee sitzt im Publikum und meine allerletzten Reserven, meine volle Aufmerksamkeit, meine volle Leistung ist abrufbar! 😉

Sehr gefreut habe ich mich auch über das Feedback von James A. Hendler, dem Semantik Web Guru der neben mir auf dem Panel sass und der danach folgendes twitterte und sogar unser Poster promotete:

So, nun werd ich gemütlich gemütlich zu meinen Liebsten fliegen… und wünsch Euch ein ganz grossartigen Start ins Wochenende!

Mehr Eindrücke aus Lyon während und nach der #www2012

Hier ein paar Bilder von gestern Vor- und Nachmittag. Hier auf der Konferenz mag ich nicht viele Bilder machen, aber bei einer Vizepräsidentin der Europäischen Kommission (Neelie Kroes) in Handschellen konnte ich nicht widerstehen. Dann bin ich zeitig los hier, zwischen Regengüssen durch die Stadt zum Hotel. Hier die Bilder, ausnahmsweise fast unkommentiert, als Galerie zum Durchklicken.

Ach ja, nach dem Chor in der alten Kirche am ersten Tag, und dem Porsche vorgestern, hatte ich auch gestern wieder eine unerwartete Begegnung, diesmal mit Hardcore Breakdancern direkt an der Lyoner Oper, die eine Wahnsins Show abgeliefert haben an einem Donnerstag Nachmittag.

Berlusconi, Tim Berners-Lee und ein Porsche…

Lyon, 6:22, Tag 199

Heute Nacht entwickelte ich Marketingkampagnen für Mercedes-Benz, kriege ein neues Telefon in meiner Wohnung, sitze auf nem Klo, Handwerker kommen. Dann wollen wir los, Sachen verkaufen. Ich laufe einen Weg entlang, dabei dämmert es, wird dunkler und dunkler. Ich werde müde, sehr müde, schleppe mich den Weg entlang, ziehe mich an Büschen und Gras weiter, und bin unendlich müde. Schnitt. Ein Babysitter kommt, ein Bagger, baggert an der Böschung neben einer Strasse und dann weiter viele Meter unter die Strasse. Laufe nach Hause, steige über ein umgefallenes Hochspannungskabel, der Rest geht in einem Albtraum unter. Wache munter und irgendwie distanziert auf.

Bin das erste mal auf einer Dresscode: Informal Konferenz. Hier sind die meisten Leute, also bis auf die Standbetreuer und einige der VIPs ganz ’normal‘ angezogen. Gehört sich auch so bei einer Webkonferenz, aber ist wirklich angenehm.

Und noch was, die Konferenz hier heisst: dab, dab, dab 2012  und nicht weh, weh, weh 2012 oder doublejuh, doublejuh, doublejuh 2012.  Ist für die echten Nerds unter Euch jetzt ein ganz alter Hut, weil die Konferenz sicher eh keine Rolle spielt oder so, aber ich fand diese Erkenntnis bei der Eröffnung gestern am überraschendsten.

Der Bürgermeister von Lyon sieht aus wie Berlusconi, scheint aber echt verstanden zu haben, dass er mit einem klaren Bekenntnis zum Internet: Breitband für alle und car2go oder Velo’v Angeboten die Attraktivität seiner Stadt relativ günstig enorm steigern kann.

Doch dann kam Tim Berners-Lee, der die erste Keynote der Konferenz hielt. Etwas zerstreut, aber auch dadurch sehr sympathisch.

Seine Themen waren gute Architektur des Webs mit mobilen Web Apps, deklarativen Programmiersprachen und dass technische Architekturen und dass technisches Design auch immer soziales Design ist.

Technical architectures and technical designs are social design.

Es gibt Untersuchungen über die Modularität und Architektur grosser Softwareprojekte, bei denen sich heraus stellte, dass sie der Projekt-/Organisationsstruktur der Erzeuger entsprach.

Er ruft dazu auf, dass wir dafür kämpfen, dass wie vollen Zugriff auf unsere Computer behalten und sie uns nicht zu Kühlschränke machen lassen, also dass wir als Nutzer Zugriff auf die gesamte Power und alle Funktionen erhalten und installieren können, was immer wir wollen und nicht, was den Regeln der Hardware und Betriebssystemhersteller entspricht.

We have to fight for the general purpose machine, not a refrigerator.

Dann ein längere Teil über Privatsphäre und  Vertrauen im Web, welche Strukturen und Probleme er sieht. Ein Problem der PKI’s im Web, dass er die Institutionen nicht kennt, denen er vertrauen soll.

I don’t trust the instituion in the chain.

Dass eventuell soziale Netzwerke ein Ausweg sind, weil sie die natürlichen Beziehungen der Menschen, die sich untereinander vertrauen, abbilden. Er positionierte sich sehr klar gegen eine Vorratsdatenspeicherung durch staatliche Organisationen:

Don’t collect by default, this is too dangerous.

aber ein paar Minuten später auf eine Publikumsfrage:

Say goodbye on locking down data: this is gone!

Was mich begeistert hat, dass er eben immer auch die andere Seite beleuchtet, also eigentlich die Überwindung der Dualität propagierte oder anders gesprochen, sich nicht auf eine Seite stellte. Vielleicht macht das auch seinen Erfolg oder ist mit ein Grund für seine Bekanntheit.

Ok, aber nun zum Schluss dieses Postes (ich sitze schon im grossen Amphietheater und versuche der ersten Keynote des Tages Chris Welty, einem der Mitarbeiter am IBM Watson Projekt, über einen Jeopardy spielen kann), noch ein drei Eindrücke aus dem Rückweg von der Konferenz.

Das hier ist übrigens ein seltener und heute sauteurer Oldtimer. Porsche 1600 Super steht hinten drauf, die sind zwischen 1948 und 65 gebaut worden, sagt Wikipedia. Direkt vor mir, fuhr ihn ein älterer Herr gerade in seine Garage.

Und mit diesem tollen Auto verabschiede ich mich seelig lächelnd in den Freitag…

Ein Spaziergang durch Lyon…

Lyon, 7:02, Tag 198

Heute Nacht zwei Träume, aus dem ersten gegen 4:30 hochgeschreckt und doch gleich vergessen. Freudig über die verbleibende Stunde wieder eingeschlafen. Dann ein zweiter Traum, an den ich mich erinnere. Von einem zweiten Kind, welches mit wenigen Monaten schon zwei Sprachen, türkisch und deutsch, sprechen und verstehen kann. Ich trag sie (ja, wieder eine sie;) auf dem Arm rum, wir haben Übernachtungsgäste, die Wohnung hat zwei Stockwerke. Nach ein paar – hier nicht zitierfähigen – Verwicklungen weckt mich der  Wecker auf. Ich bin sehr müde…

Will weiter schreiben hier, mach das auch! Es sollen nur ein paar Bilder rein von Lyon. Ich weiss jetzt, was mich gestört hat. Wenn ich tolle Themen mit einem verrückten Traum hier einleite, dann hat das nicht viel mit meinem Tagebuch zu tun, lenkt zu sehr ab.

Aber nur ein nackiger Traum hier, als ersten Post des Tages, das ist mir gestern schon zu dünne gewesen, heute auch wieder. Deshalb, heute hier nach einem schnellen Frühstück in Lyon, kurz vor Konferenzstart, einfach weiter geschrieben.

Ein Artikel über Open Patent Data ist auch schon länger in Arbeit, diesen Freitag wird mein Panel sein. Nachher um 11 werd ich natürllich bei der Keynote von Tim Berners-Lee, der als Erfinder des WWW gilt, dabei sein. Um 2 Uhr ist das EPO mit Nigel Shadbolt verabredet, um 4 dann eine erste Panel Discussion über Software Patente, die u.a. vom EPO besetzt und mit organisiert worden ist.

Aber nun, bei einem saulahmen WLAN hier im Hotel versuch ich noch ein paar Bilder einzustellen, von meinem Abendspaziergang durch Lyon. Gestern Abend hätte ich ca. 20 Baguettes in freier Wildbahn fotografieren können. Die Franzosen laufen wirklich alle mit ihrem Brot in der Hand durch die Stadt. Fand ich witzig, wenn man gleich auf den ersten Metern seines Spaziergangs die Vorurteile bestätigt bekommt.

Dann in einer Kirche, der Église Saint-Bonaventure, die im 14. Jahrhundert erbaut worden ist. Eine sehr alte Dame nestelt an ihrem Portemonnaie und klimpert mit dem Kleingeld.

Die bunten Fenster in der Abendsonne haben eine grossartige Stimmung in den alten Bau gezaubert.

Es geht sehr ruhig zu, ganz wenige Menschen sind anwesend.

Und dann hatte ich auch noch Glück damit, dass ich an den Vorbereitungen zu und einem Vepres du Mardi beiwohnen zu dürfen… eine grossartige Stimme in diesem uralten Gebäude, das war sehr bewegend.

Heute morgen hab ich dann erfahren, dass am späten Nachmittag Tim Berners-Lee sich fast eine Stunde am EPO Stand mit Dan und Eva unterhalten hat. Erst habe ich mich geärgert, dass ich das verpasst habe. Aber Dan hat mich beruhigt. Als ich ihm von meinem Erlebnis in der Kirche berichtete, sagt er nur, dass er mich darum eher beneiden würde… 😉

Und mit einem Sonnenuntergang über der Rhône ging mein Spaziergang zu Ende.

Wünsche einen tollen Tag!