Über Cookie und Verneinung

Bizimköy, 7:58, Tag 906

Was für eine Nacht! Gestern früh ist mir ein kleines Hundebaby zugelaufen, welches unsere Herzen im Sturm erobert hat. So ein Mist! 😉

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Eine kurze Recherche zeigt, dass wir mind. fünf Monate warten müssten, um sie nach D mit nehmen zu können. Das ist also keine Option, da wir nur noch 10 Tage hier sind. Also werden wir versuchen, ihr hier ein zu Hause zu finden.

Sie ist ein typischer türkischer Strassen- oder hier Strandhund. Hunde werden hier selten im Haus oder angebunden in Zwingern gehalten. Wir sind hier ja in einer Ferienhaussiedlung, in der so etwa 20% permanente Bewohner leben. Am Strand morgens sehe ich so ca. 10 Hunde in einer Gruppe rumtollen, schwimmen, rennen und spielen. Zwei unserer Bekannten haben einen Hund. Beide laufen frei rum, der eine wird sogar hier für zehn Monate „allein“ gelassen, bzw. muss die Familie wechseln.

Unser Cookie ist ein Kangal, jedenfalls lassen Größe, Farbe und schwarze Schnauze darauf schliessen. Kangals sind eine türkische Hüte- und Wachhundrasse, die sehr gross werden können. Auf Facebook und Wikipedia werden sie als ausdauernd, beschützend, dickköpfig, sensibel und liebevoll beschrieben.

Cookie hat sofort angefangen, unser Haus zu bewachen, was bei solch einem Baby noch eher lustig ist. Sie regt sich mit noch hoher Stimme bellend über Geräusche auf, die sie erschrecken. Sie spielt viel, gibt automatisch Pfötchen und apportiert schon ihr Spielzeug. Vermutlich war sie Nachts viel unterwegs. Sie hat gestern jedenfalls den ganzen Nachmittag verschlafen.

Wir haben hier rum gefragt. Sie hat hier schon einen kleinen Ruf, als nervig-charmant. Aber sie scheint auch niemandem zu gehören. So haben wir sie erst mal zum Tierarzt mitgenommen, checken, entwurmen und impfen lassen. Das ist hier alles gut geregelt, es gibt staatliche Stellen, die sich um Hunde fast kostenlos kümmern und natürlich jede Menge privater Tierarztpraxen. Heute nachmittag gibts noch ne Flohkur, nächsten Dienstag zweite Impfung. Alles weitere müssen dann schon ihre bis dahin hoffentlich gefundenen neuen Herrchen übernehmen.

Türken kümmern sich generell gut um ihre Strassenkatzen und Hunde, aber wenn sie zu aufdringlich sind, oder einfach auf die Terrasse gelaufen kommen, werden sie auch sehr grob und laut vertrieben. Das ist leicht schizophren, aber ist hier eben so.

Ich dachte lange, dass die Türken ihre Katzen und Hunde auf der Strasse nicht lieben, sondern sie eher wie Tauben oder Ratten behandeln. Aber wenn man genauer hin schaut, erkennt man hier und dort immer wieder Futter- und Wasserstellen, ausgelegte Decken oder kleine Hütten. Auch haben alle Strassenhunde hier, die ich bisher gesehen habe, eine Ohrmarke, die auf Impfung und Registrierung hindeuten.

Ok, genug geschrieben. Nun noch ein paar Bilder:

Unsere Tochter hat uns dann so gegen drei noch mit hohem Fieber einer Sommergrippe wach gemacht. Die Kinder der Nachbarn hatten das alle letzte Woche. Nach zwei Tagen war es gleich wieder vorbei. Ausser Fieber und die begleitenden Kopf- und Gliederschmerzen, gibt es keine weitere Symptome. Und das nachdem Cookie unser Haus bis ca. ein Uhr mit regelmässigem Bellen verteidigte.

Entsprechend müde bin ich nun!

Doch noch ein kurzer Ausflug zu einem anderen Thema, das mich gestern am Nachmittag voll in Beschlag nahm. Eine neue, aktute Enttäuschung. Und diesmal bin ich enttäuscht. Vermutlich, lange nachdem ich einen Freund mehrfach und wiederholt enttäuscht habe.

Eine Täuschung ist verschwunden. Plötzlich sehe ich eine neue Realität, eine ungeschminkte Wahrheit, die sich radikal von meiner bisherigen Sichtweise unterscheidet. Das was der andere tut oder anderen erzählt und das, was er mir sagt bzw. auch nicht sagt, hat sich gewaltig unterschieden. Und dieser Unterschied ist gestern Abend fast verschwunden.

Nun ist erstmal alles leichter, klarer, einfacher! Aber es gibt auch Schmerz und Traurigkeit und den sich darüber ausbreitenden, alles andere bedeckenden Ärger.

Worte sind genug gewechselt. Es ist oft alles schon gesagt. Ich muss jetzt keinen Konflikt starten, nicht antworten, keinen Kontakt suchen, keine Gerechtigkeit herstellen, keine Kränkung ausgleichen, keine Erwartungen erfüllen. Ich habe mir meine Fehler schon verziehen. Und ich kann all den Menschen die mir begegnen, ebenfalls ihre Fehler und ihr Sein verzeihen.

Es ist diese stille Vergebung, die mich zurück ins Hier und Jetzt führt.

Es ist besser, mein Ego los zu lassen, raus zu gehen aus dem Strudel der Gedanken und Gefühle zu manchen Beziehungen. Einfach Atmen. Über das Werkzeug Atem kehre ich zurück ins Hier und Jetzt.

Hier gibt es keinen Konflikt, den ich nicht selbst in mir erzeuge. Hier gibt es keine Erwartung, die ich an andere habe. Hier gibt es nur den Moment und das, was ich jetzt hier denke, fühle, tue. Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen.

Meine Interpretation der Vergangenheit ist irrelevant. Sie ist schon geschehen! Meine Erwartung an die Zukunft ist irrelevant. Sie ist noch nicht geschehen!

Meine Kleine sagt, sie hat Angst vor eventuellen Spritzen, wenn wir mit ihr gleich zum Arzt fahren. Ich antworte ganz erwachsen:

Angst ist niemals real, nur Gefahr ist es.

Dann versuche ich, ihr das zu erklären. Und dazu zeige ich ihr einen Trick: wenn sie Angst vor etwas in der Zukunft spürt, kann sie erst mal ruhig ein- und ausatmen. Dabei ist es so schön zu sehen, wie der kleine Körper sich sofort beruhigt, entspannt und die Angst ihren harten Griff so einfach verliert. Dann erkläre ich weiter, wenn es eine Gefahr im Hier und Jetzt gibt, dann gibt es etwas zu tun, dann muss sie natürlich jetzt etwas tun, um der Gefahr zu entkommen, sie zu entschärfen.

Angst macht passiv, Gefahr dagegen aktiv.

So, nun noch ein Schlusswort. Ich widerspreche mir hier selbst. Schreibe vom Loslassen und kann es nicht. Verbringe schon wieder eine Stunde mit dem Nachdenken über die Enttäuschung. Es ist das Gegenteil vom Loslassen. Hunde, die bellen, beissen nicht. Und getroffene Hunde bellen: Menschen, die sagen, sie haben keine Angst, haben welche, Menschen, die sagen, sie sind nicht enttäuscht, sind es. Verneinung funktioniert in unserer Sprache, unserer Welt, in unserem Denken einfach nicht! Niemals! 🙂

Für mich ist dies hier Verarbeitung, Bewältigung, ja offener Vollzug! Ein Schritt weiter, dann noch einen und noch einen.

Danke fürs Zuhören! Bis morgen! Wünsche einen angenehmen Tag.

Der Rhythmus meines Lebens…

Berlin, 8:52, Tag 444

Also heute Nacht habe ich von einem Konzert in einer Schlucht wie in Minecraft geträumt, mit einer Bühne aus Glas über dem Abgrund, die Zuschauer rechts und links sahen die Sprecher, Vortragenden und Künstler auf dem völlig transparenten Glasboden und konnten die definitiv vorhandenen Bühnenränder nicht erkennen. Ich selbst hatte Google Glasses auf und zeichnete all das auf, ich war damit Teil der Show und immer wieder wurde von der Regie zu mir auf die Brille geschaltet. Ich musste aufpassen, nicht in den Abgrund zu fallen beim Filmen. Die Vips sassen in Halbkreisen an den Rändern der Schlucht, ab und zu musste ich die Brille abnehmen und sie jemandem zeigen, erklären. Wenn ich Brille ab und in die Hand nahm, fühlte es sich so an, als ob sich meine Augen vervierfachen würden…

Eigentlich wollte ich über 8.000 Stockwerke schreiben, das einfach später mal. Eben fand ich ein Video von Zee Frank, dem ich schon eine Weile folge. Ich lass mich in letzter Zeit ein wenig mehr bei Youtube, als durch Blogs inspirieren. Youtube hat eine enorme Entwicklung hinter sich und gerade mit der letzten Designänderung noch mal einen grossen Sprung gemacht. Fernsehen wird im Vergleich dazu einfach immer unattraktiver.

Als ich das Video eben gesehen habe und mich die Dynamik von Franks drei Minuten Vortrag so mitgerissen, dass einfach ein Transkript schreiben wollte. Diese Art Übertragung von Konzepten, wie er das hier vormacht, diese einfachen Strukturen die er dafür benutzt, finde ich einfach grossartig.

When I was young, and first learning how to play the guitar, i used to have to count out loud, while I played so I didn’t loose time. I remember, getting all excited, when I learned, how to play the Blues and I played it for my stepfather but I counted out loud the whole time: the one, the two, the three.

My stepfather has been a drummer and he played with the force of a steamengine. I remember seeing him on stage, where he just blast right through the end of the song, like the breaks that applied to the rest of the band couldn’t stop the beat, he was in charge of.

So, when I played him this stiff awkward blues, he said to me:  do you really  think Eric Clapton counts out loud while he plays? Crushing but true. So i licked my wounds and studied Ted Reeds ‚Progressive Steps to Syncopation for the Modern Drummer‘ even if I was not a drummer and I learned my  and threes over twos, syncopations and switching up accents,  slowly learning the bits and pieces of the rhythmic trinity of expectation, silence and surprise.

I had this one rhythm, I used to speak over and over again. Kinda like that weird little doodle that you draw all the time. You know what I’m talking abaout? Your where sort of sick of it, but it became an extension of you? *beatboxingnoise*

I had these early fascination with these jazz musician Thelonious Monk. To me a lot of his songs where funny. It’s hard to describe, but songs like the Blue Monk and… It’s like, he would lull you into this pattern and then break it up hard: expectations, silence, surprise!

When I started learning about humor, I realized that commedians speak a lot about the same things. Jokes and bits have rhythm: the setup, the pause, the punchline. And those rhythms are set inside of bigger beats and repeats that com in threes. Whatching younger Comics you can learn a lot by seeing, what is broken. They might be good at building expectations and delivering surprise but the didn’t have figured out silence yet. The blast through their lines so fast, you don’t have room to laugh.

Where there all surprise and pauses without building any patterns for the audience to relax into. When it’s all surprise, it stops beeing a surprise. The craft of it, is in the mastery of all three: expectations, silence, surprise.

So, we are close in the new year. One of the downbeats in the song of my life, played in that twelfe over something time signature: January one, two, three… I think about, how these three of these elements play themselfes out in the rest of my life.

To me the expectation piece, the…, the habits, the traditions, the job, the things that keep you grounded. Silence is the ability to live between the beats, to be quiet, to be still. And the surprise is trying new things, becoming uncomfortable, when you are trying new things, when you break some patterns. And the craft is in the mastery of all three. If one takes over, you are in trouble. Habits turn into addictions, silence into solitude and surprise into instability.

Me personally, I think I’m gonna fokus a little bit more on silence. And surprise. I can stand to break some patterns.

How about you? What is the rhythm of your life these days? Are you happy with it? What would you change?

Als ich eben grade mit dem Transkript fertig wurde, hat sich hier in der Espressolounge ein nicht angeleinter Hund in die Küche geschlichen. Ich habe an meinem Stammplatz einen guten Blick über den gesamten Laden. Dieser Hund ist mir vor zwei Wochen schon mal aufgefallen, als er sich direkt neben meinem Kuchen und Tee, die auf einem niedrigen Tisch genau in Hundehöhe standen, einmal kräftig ausschüttelte und mich so zum Gehen veranlasste. Ich wollte damals nichts sagen, Hunde sind hier im Blinis erlaubt und ich hielt mich für überempfindlich. Der Patz an der Lippe liess sich eh nicht mehr abwenden, was solls!

Na jedenfalls lief der gleiche Hund eben sich im übrigen wieder ausgiebig ausschüttelnd, durch das Cafe und als sein Besitzer sich in die Zeitung vertiefte, schlich er sich in die Küche in die Nähe des Schinkens. Ich dachte noch, gleich sehen es die beiden Servicemädels und verscheuchen ihn, haben sie nicht. Nach einer Weile kam der Hund von selbst aus der Küche, hob aber kurz vorm Ausgang sein Bein und…

…pinkelte tatsächlich an die Wand der Küche.

markierte sich den Schinkenort. Mir ist innerlich sofort der Kragen geplatzt! In einem öffentlichen Cafe mit mehreren hundert Gästen am Tag! Ich habe kurz ein und ausgeatmet, denn es ist nicht mein Cafe, ich mach die Regeln nicht, ich kann dem anderen Gast nicht sagen, auf seinen Hund zu achten. Ne, doch, ich muss – aber klar doch. Nur noch einmal atmen und dann habe ich Service und den Besitzer auf „das kleine Dilemma“ aufmerksam gemacht. Denn als solches wurde es natürlich sofort dargestellt und als eines, dass sich ja nun nicht mehr ändern lässt.

Gut, die Stelle ist jetzt wieder sauber und desinfiziert und ich habe nachgedacht, was die Ursache für so einen Vorfall ist. Warum ich so etwas hier für ein Symptom halte und was die Folgen sind.

Ich hab schon viel zu lang geschrieben, nur so viel noch: fehlende Achtsamkeit, fehlender Respekt und ein Serviceverständnis, welches über die Bedienung der Gäste, das Herstellen der Speisen und Getränke und das Abräumen des Geschirrs, das übliche Ordnunghalten eben nicht hinausgeht. Niemand achtet hier mehr, seit Gregors Weggang, auf die Gäste nachdem(!) sie bedient worden sind. Niemand fühlt sich wirklich verantwortlich für, so meine wehmütigen, sentimentalen Gedanken, einer lieb gewordenen Gewohnheit nachtrauernd.

Diese beiden Themen sind verbunden, die Ruhe die ich hier in diesem Cafe fand, die Gewohnheit des täglichen Bloggens hier an meinem Lieblingsplatz mit Blick über das ganze Cafe grenzte schon an Abhängigkeit.

Dieser Vorfall heute sorgt dafür, dass ich genug Energie habe, mit meiner Gewohnheit wirklich zu brechen. Mich überraschen zu lassen, was mit meinen Leben passiert, wenn ich mich hier nun einfach verabschiede.

Vor zwei Monaten habe ich hier schon mal übers Dienen und Verdienen geschrieben. Der Grund für meinen Wechsel ins Cafe nebenan für meine morgendliche Schreibmeditation ist einfach auch, dass sich der Rhythmus meines Lebens verändert hat und ich hier im Blinis einfach keine Ruhe mehr gefunden habe. Der Auslöser für meinen Abschied ist der pinkelnde Hund in der Küche. Deutlicher kann das Signal nicht sein, dass ich hier raus muss!

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Genug, gleich landen meine Mädels aus dem Istanbuler Schneechaos kommend für ein Weihnachten in Berlin. Wünsche Euch einen tollen Samstag ohne Stress und Hektik ganz im Rhythmus Eures Lebens.