Träume leben

Istanbul, 5:58, Tag 835

Heute bin ich sehr zeitig aufgestanden. Aufgewacht aus einem wilden Traum. Und hab beschlossen, ich muss bald noch mal in die Beelitzer Heilstätten. Naja, von oben filmen wird immer gehen. Denn, die ziehen grade echt einen Zaun drumherum.

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Nun habe ich schon angefangen, hier überall rum zu lesen und zu schauen und aufzuräumen. Eine Stunde ist so vergangen. So schnell.

Zwei Themen beschäftigen mich grade privat. Also eher das Spielkind in mir.

Einmal die Apple Watch. Endlich ist meine vorgestern angekommen. Die ersten Eindrücke sind sehr sehr positiv. Und die Erwartungen waren hoch. Sie ist unaufälliger und brauchbarer, als gedacht.

Ein paar ihrer Funktionen wirklich beeindruckend: Herzschlag senden! Natürlich. Ohmann, wie toll fühlt sich das an, genau den Takt zu spüren.

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Aber auch, dass die Spracherkennung gut funktioniert oder man damit sogar telefonieren kann, was irgendwie creepy cool ist. Einfach sehrsehr gut gemacht. Es ist ja meine dritte Smartwatch, nach der Moto360 und der Pebble. Ich wage mal zu prognostizieren: diese jetzt bleibt länger als vier Wochen um mein Handgelenk.

Dann, das mit den Drohnen.

Ich hab mir letzten Sommer ’ne DJI Phantom II zugelegt und auch gleich geschrottet. Nach den ersten Flugversuchen wurde ich mutiger und vor den Augen meiner gesamten Familie, bei Grossvaters Geburtstag, crashte ich sie ne Woche später auf einem Balkon eines Hauses in Bitterfeld. Scham und Pein.

Ohh, war das schlimm (Immer wieder danke, Ma, dass du echt geklingelt hast). Verboten müsste das werden, rief der Nachbar, dessen Balkon ich fast getroffen und der mich sicher verklagt hätte. Doch dieser Spass ist mir erspart geblieben. Der eigentliche Balkonbesitzer, ein entspannter Käpt’n eines Ausflugsdampfers, hat sich eher über meine Scham amüsiert, als aufgeregt. Puh!

Doch das konnte mich nicht abhalten.

Reparieren -selbst oder beim Hersteller- war fast so teuer, wie ein Neukauf. Und das bedenke bitte jeder, der auch überlegt, sich einen Quadkopter, eine fliegende Kamera, eine Drohne zuzulegen. Aber für mich ist mit dieser Technologie ein ewiger Traum in Erfüllung gegangen.

Kurz nach der Wende war das erste: Campen. Zelten und alle damit in Verbindung stehenden Technologien, leichte Zelte, leichte Kocher, Iso Matten. Aber das zweite war Fliegen: doch immer wieder schreckte ich davor zurück. Weil ich keinen Hobbykeller hab. Doch mit der DJI Phantom konnte ich endlich auspacken und los fliegen, ohne zu basteln, zu schrauben, zu kleben. Wahnsinn!

Viel Zeit habe ich mir bisher nicht dafür genommen, vielleicht zehn Flugstunden, 30 Akkus hab ich leer geflogen. Aber, aber ich das jetzt kann, ohne mir das vorher selbst zusammen gebaut haben zu müssen, fand ich jede Minute davon grossartig.

Das Fliegen selbst erinnert mich viel an Computerspiele.

Die Hand Auge Koordination, die Abstraktion der Bewegungen der Drohne in der Luft, dreidimensional über diese kleinen Sticks der Fernbedienung muss ich erst erlernen. Wie einst beim Traktor und LKW fahren, sitze ich manchmal Abends da und übe: damals das Schalten und Kuppeln unsynchronisierter Getriebe mit den Bewegungen meiner Füsse. Heute sind es die Bewegungen meiner Finger. Dabei stelle ich mir mit geschlossenen Augen die Auswirkungen auf die Drohne vor, wie sie steigt und fällt, sich dreht und dabei(!) vor zurück und seitwärts fliegen kann.

Das eigentlich irre dabei ist aber, dass ich eine Kamera fliege. So verbindet so ein Quadkopter mein liebstes Hobby mit einer alten Sehnsucht.

Hier in HD und noch etwas wackelig, ungeschnitten, unbearbeitet, so wie es die Drohne aufgenommen hat, während des Fluges:

Verrückt, oder?

In Istanbul traue ich mich das nicht. Zu verantwortungsbewusst, zu alt, bin ich dafür. Wirklich gefährliche Drohnenflüge finden hier schon statt. Die Diskussion beginnt wegen diesem Idioten grade, zumal es hier noch keine Regulierung, kein eigentliches Verbot gibt.

Aber trotzdem träume ich davon, über den Bosphorus zu fliegen, unter der Brücke durch. Über den Grand Bazaar, am Golden Horn. Vielleicht schaff ich das doch noch. Ein paar Werbeagenturen, ein paar Filmcrews kenn ich hier schon. Baustellen kann man dokumentieren, neu eröffnete Shoppingmalls überfliegen. So viele Ideen kommen mir.

Ich denke, es wird eine richtig kleine Industrie um Drohnenkameraflüge entstehen, die heute wegen zu teurem Equipment und nem dafür notwendigen Helikopter für 99,99% der Menschen unerreichbar, unvorstellbar sind.

So, heute ging es darum, dass man seine Träume lebt. Nicht wartet, dass etwas passiert, sondern aktiv daran arbeitet. Zwei meiner Träume erfülle ich mir von Zeit zu Zeit. Genau das macht auch mein Leben aus.

In Dankbarkeit für diese tollen Möglichkeiten, verabschiede ich mich in den Samstag und brutzel uns jetzt Pfannkuchen.

Wünsch Euch einen erfüllten Samstag!

Ein Colt für alle Fälle…

Berlin, 10:33, Tag 104

Wie sollte ein Sonntagspost eigentlich aussehen? Entspannt, ohne Zwang einfach mal so… habe die Unruhe, nicht gleich los zu schreiben vorhin um 8 schon sehr genossen. Und ich habe einen Rückfall erlitten und mir einen Spiegel gekauft und den grade von hinten nach vorne durchgelesen: nichts Aufregendes – reine Unterhaltung.

Heute auch geträumt, von einem alten Mann im Rollstuhl der uns mit seiner Tochter besuchte. In einem engen Innenhof haben wir uns unterhalten, er konnte nicht richtig atmen und hatte eine komplizierte Apparatur im Rollstuhl dabei, die er mir andeutungsweise zeigte. Wir sind zu einer Veranstaltung gelaufen, an einem schmalen Strand sind wir an Hochleistungsjachten und -booten vorbei, die Besitzer kamen aus Hütten und erklärten, warum die Motoren fehlten, dann zu einem Flughafen mit flachem Dach, dort in den Gästezimmern angekommen, wachte ich auf.

Gestern habe ich an einer Tour durch die Beelitzer-Heilstätten teilgenommen, die von Instagram ausging und von Michael (aka @king_fisher) organisiert worden ist. Mit bestimmt 30 anderen haben wir an einer Führung von Frau Krause teilgenommen. Die Instagramer sind im Anschluss noch durch die eingefallenen Pavillion Chirurgie und den Pavillion B IV gelaufen und haben wie die Wilden Photos über Photos gemacht. Eine schöne Idee und ein richtig toller Samstag unter Gleichgesinnten.

Auf dem Pavillion B IV wächst ein Wald. Eine Attraktion an sich. Viele grosse Bäume im vor vielen Jahrzehnten ausgebrannten Dachstuhl…

Im Inneren endlos lange Flure bestimmt vom Licht…

Natur, Zeit und eine lange zurückliegende Vergangenheit. Gebaut als Krankenhaus vor über 100 Jahren…

Magische Treppenhäuser…

Ein kreisrunder, kuppelüberspannter, grün gefliester Operationssaal in der Chirurgie auf der Schattenseite…

Und die wohl vor 50 Jahren ausgeräumten Krankenzimmer auf der Sonnenseite des Gebäudes… 

Und über allem der blaue Brandenburger Himmel…

Ich hatte gar kein so starkes Interesse an den sicher vielfotografierten Motiven, habe eigentlich erstaunlich wenig Bilder für „meine Verhältnisse“ gemacht. Lag vielleicht an der intensiven Stimmung und den extrem vielen kleinen Details des endlosen Zerfalls, die direkt noch stärker wirkten als durchs iPhone/die Kamera.

Mit Beelitz selbst verbinde ich nicht viel, ich kannte es nur vom schnellen durch- oder vorbeifahren als Standort einer riesigen Kaserne der sowjetischen Armee. Aber da mein Grossvater in den 70igern ganz in der Nähe in Borkwalde eine Datsche erbaute und mein Onkel in den 80igern heimlich in Potsdam als Panzergeneral die Heimat verteidigte, fühle ich mich der Gegend und dem Wald doch irgendwie sehr verbunden.

Die Russen hatten hier einen riesigen Truppenübungsplatz, der durch panzerfahrende Onkel ausgestellte Passierscheine für Pilze suchende Grossväter mit ihren Enkeln an ruhigen Tagen zugänglich war.

Panzerstrassen durchzogen den gesamten Brandenburger Wald… die einmal zu befahren war ein Traum für jeden Jungen, der heimlich im Westfernsehen Colt Seavers sehen durfte.

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich selig lächelnd in den Sonntag!