Ablehnung Aushalten

Berlin, 6:29, Tag 810

Heute Nacht habe ich eng gedrängt mit vielen anderen ein Mittagessen einnehmen dürfen. Ein Ausflug, eine Schulung und ein Sehenswürdigkeit waren abwechselnd in der Nähe. Ein Bus wollte durch und unten rechts abbiegen, wir sassen essend im Weg. Der Busfahrer stieg aus, erst sauer schimpfend, dann um beim Wegräumen der Tische zu helfen. Ich wachte zeitig weit vor dem Wecker auf.

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Heute ein trüber Tagesstart. Es regnet und ist wieder kälter. Ich lese hier schon viel rum, habe auch schon ein paar Mails nebenbei bearbeitet.

Werde grade etwas optimistischer, dass ich auch ohne ständig in Konflikte zu laufen, leben und arbeiten kann.

Denn ich weiche Hungergeistern grade aus, wenn ich kann. Wenn ich nicht ausweichen kann, setze ich ihnen Grenzen. Nein, ich bestimme selbst meine Grenzen. Versuche es zumindest.

Bemerke eben, dass Hungergeister Ablehnung gewohnt sein müssen. Ja, dass sie geradezu nach Ablehnung lechzen, sie provozieren, wo sie nur können.

Die Intention, der Grund ihres Handelns ist ihr Hunger, ihr ständig Anerkennung oder Bestätigung verlangendes Ego. Dieser nie stillbare Hunger nach mehr Anerkennung, nach mehr Bestätigung. In immer höherer Dosis. Immer mehr.

Dabei rationalisieren Sie ihren unstillbaren Hunger als normales Bedürfnis, als berechtigtes Interesse, als anerkanntes Verhalten, als erforderlichen Respekt, als notwendigen Dank, als zwingende Voraussetzung, als schicksalhafte Krankheit, als vorübergehende Phase, als unvermeidbare Schwäche, als unverzichtbare Stärke, als seltene Fehlinterpretation, oder auch als unerwarteten Angriff auf Sie.

Immer im Aussen suchend!

Dabei haben wir alle tausend schnelle Erklärungen parat, warum wir eben nicht schwach, eben nicht fehlerhaft, eben nicht perfekt sein können, sondern warum wir so perfekt hungrig, doch in Ordnung sind.

Es sind doch die anderen, die eine Verantwortung für uns haben.

Unser grosser Hunger danach, immer stark, fehlerfrei, perfekt sein zu müssen ist doch ganz natürlich. Es sind aber die anderen, die uns das ständig bestätigen müssen. Und genau deshalb sind wir laut oder leise, genau deshalb sind passiv oder aggressiv immer auf der Suche im Aussen!

Und ich kenn mich damit aus. Ich habe einen starken Hungergeist in mir. Ich schrieb früher schon, dass ich ein zur Sucht neigender Mensch bin. Meine Suche nach Anerkennung, hat sehr viel mit meiner Sucht nach Nikotin, nach Alkohol oder anderen klassischen Drogen zu tun.

Die Suche nach Anerkennung, nach Beziehung, nach verlässlicher Bestätigung kann man damit dämpfen und gleichzeitig sind diese Stoffe, relativ verlässliche Gefühlsauslöser.

Wenn man das irgendwann versteht, wenn man irgendwann weg von diesen unterhaltsam, dämpfenden Süchten ist, wenn sich davon befreien kann, wenn man das klarer wird, dann kommt irgendwann der Punkt, dass man versteht, dass man immer noch der gleiche, schwach-starke fehlerhaft-perfekte Mensch ist, der man immer schon war.

Ja, der Hungergeist in mir ist Ablehnung gewohnt. Ja, er lechzt  gerade zu nach Ablehnung, denn genau diese Ablehnung bestätigen seine Bedürfnisse, seine gesamte Existenz.

Meine Ablehnung, von dem was ich bin, erschafft den Hungergeist in mir ja erst.

Das zu verstehen, fällt mir nicht leicht.

Das zu erleben, fällt mir sehr schwer.

Mich so anzunehmen, wie ich heute im Moment bin, das ist die eigentliche, sich immer wiederholende Aufgabe. Meinen Hunger mit liebevoller Freundlichkeit anzuschauen, und ihn auszuhalten, ihn vorbei gehen zu lassen, mich nicht vom ihm einfangen, bestimmen, definieren und kontrollieren zu lassen, das ist die sich immer wiederholende Aufgabe für mich!

Und die Ablehnung anzunehmen und auszuhalten, das ist der Schlüssel zur Lösung!

Wünsch Euch nachdenklich einen produktiven Tag!

Dann lächelt es mich…

Istanbul, 7:30, Tag 135

Wild geträumt, von dem Konzert eines Violine spielenden Gitarristen, das ich mit der besten Frau der Welt und unserem Kinde besuchte und auf dem ich dann einen Grossteil unser Kommunikationsmissverständnisse der letzten Jahre erneut durchleben durfte. Bin ganz leise atmend, den beiden zuhörend, eine halbe Stunde länger liegen geblieben…

Nach meiner Morgenroutine (Duschen&Meditieren) habe ich erst mal weiter Psychohygiene betrieben und mich meiner Inbox gewidmet. Ein paar Mails verschicken und der Box beim Abnehmen zu schauen, das gibt Instant Gratification, sofortige Belohnung. Bin heute noch nicht durch den Reader, die Timeline oder die andere Ströme geschwommen – keine Unterhaltung, keine Ablenkung, bitte!

Habe zwei Nachrichten ausgespart, die ich aufgrund meines Schreibens hier erhalten und über die ich mich sehr gefreut habe, das tut wirklich richtig gut! Aber ich schaffe es kaum, zu antworten. Ich erinnere mich daran, auf anderes positives Feedback mit immer gleicher starrer Reaktion zu antworten. Um so unerwarteter, je starrer werde ich! Wenn ich da jetzt kurz im Thema drin bleibe und mir die Situationen vor Augen führe, dann fällt mir  das Grundmuster all dieser Konstellationen auf:

(Keine) Arbeit > (Unerwartetes) Lob > (Unwillkürliches) Lächeln > (Anhaltende) Starre

Warum, verdammte Axt, will ich dann überhaupt Anerkennung, Lob, Beachtung, positives Feedback für diese Dinge und kann so gar nicht damit umgehen? Denn wenn ich das dann wirklich aus einer unerwarteten Ecke auch bekomme, dann lächelt es mich und dann ich sitze erst mal da und weiss nichts Sinnvolles darauf zu sagen. Ich bin komplett unzufrieden mit allen Gedanken der möglichen Antwort: ein Danke auf ein Lob geht doch gar nicht! Wenn ich diejenigen kenne, dann fällt mir die Auflösung der Starre leichter, hab dann wohl schnell eine Erklärung für das Lob. Aber je weniger ich diejenigen kenne, je mehr ich auf sie projiziere oder sie bewundere oder auch nur „beobachte“… umso schlimmer ist die Starre.

Zwei Erklärungen habe ich für dieses seltsame Verhalten:

Zufriedenheit und Glück gibt es nur nach langer, harter, entbehrungsreicher Arbeit! Das Muster: mehr Lob = mehr Arbeit = mehr Leiden erzeugt die Starre, weil eben jedes Lob immer zu mehr Arbeit führt. Lob für Tätigkeiten, die ich nicht als Arbeit betrachte, ist grundsätzlich verdächtig. Es könnte ja dazu führen, dass die Dinge, die ich liebe zu tun, plötzlich die Bedeutung von Arbeit bekommen, und damit meinem Glück und meiner Zufriedenheit im Weg stehen.

Und dann überfliege ich das hier noch einmal und suche nach der anderen Seite dieses, meines Stresses und finde erst mal nichts, ausser diese Gedanken nicht zu denken… und nach langem Grübeln sehe ich dann doch noch etwas Licht. Wenn ich mein Ego und seine Wertung versuche, raus zu nehmen (das ist immer der Trick!), dann bleibt doch auch so etwas wie Empathie übrig: ein Interesse für die Auswirkungen meines Handelns und damit auch die Fähigkeit, diese Auswirkungen bei Anderen wahr- und ernst zu nehmen.

Hoffnungsvoll, vorsichtig lächelnd…

…wünsche ich einen arbeitsreichen Mittwoch! 😉