Auto

Berlin, 6:29, Tag 1053

Heute besser, aber noch nicht ausgeschlafen. Hatte kurz den Impuls, statt um 5 aufzustehen, bis 7 liegen zu bleiben, dann hätte ich neun Stunden Schlaf gehabt. Dann doch einfach hoch und raus und Morgenroutine gestartet. Meine Meditation war unruhig, passiert wohl grad wieder viel in meinem Leben, ausserdem freue ich mich schon auf ein weiteres Retreat, welches wir für Mitte Februar planen, kurze drei Tage nur, aber much needed.

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Nach sechzehn Jahren habe ich mich im letzten Herbst entschlossen, ein neues Auto zu kaufen. Nächste Woche ist es endlich soweit und ich kann es abholen. Auch hier freue ich mich schon seit ein paar Wochen schon sehr, wie ein kleines Kind. Wirkliche, richtige Vorfreude. Allein dafür hat es sich schon gelohnt. Ich hatte mir mit 28 Jahren einen nagelneuen Benz gekauft, meinen Max, der mich seitdem treu überall hingefahren hat, wo ich mich haben wollte. Er ist Teil meines Lebens. Es ist nur ein Auto, ein Ding, trotzdem habe ich ihn über 200.000 km selbst gefahren. Es war damals völlig verrückt, mir solch ein Altherrenauto zu kaufen. Aber ich erfreue mich sehr am Auto fahren. Speziell an dem Benz habe ich auch heute noch jeden Tag Freude. Ich fahre sehr gern. Immer schon, seit ich in meiner frühen Jugend mit 14 anfing, erst Trecker, dann Moped, dann mit 18 auch LKWs und Autos zu fahren. Mit 22 habe ich dann sogar den Busführerschein machen können. Es war immer mein Ding. Rallyfahrer, oder auch Chauffeur, Busfahrer war ich zur Not auch Trucker wären durchaus ernsthafte Alternativen bei der Berufswahl gewesen, wäre ich nicht Melker und dann Banker, später ITler geworden.

Das All Hands gestern lief gut. Tauche aber grad in unser deparom ein, hier stehen auch ein paar Entscheidungen an, die meine volle Aufmerksamkeit erfordern und als alter Zenkoch, mache ich erst mal die Küche sauber gemacht und die Zutaten überprüft. Schwer auszuhalten, aber notwendig. Gutes Handwerk ist immer Grundlage von allem.

So, nun starte ich weiter durch. Wünsch Euch einen ruhigen Donnerstag.

PS: Auto ist ein komisches Wort. Wäre Automobil besser? Nö. Aber auch Fahrzeug ist eigentlich schräg. Nuja, heisst halt so.

 

 

 

 

 

Ruhe nach dem Sturm

Berlin, 6:29, Tag 856

Heute Nacht hab ich endlich mal ausgeschlafen. Schön zeitig ins Bett und ganz, ganz ruhig in den Tag gestartet. Träume erinnere ich nicht mehr.

War wirklich alle gestern Abend. Erst ein weiter, intensiver Vormittag auf der PATINFO. Dann Rückfahrt durch meine alte Heimat, Artern, Allstedt, Lodersleben, Leimbach, Querfurt. Da werde ich immer sehr nostalgisch, nur vom durchfahren. War um Acht erst zu Hause. Schnell noch zu Kaisers, dann Auspacken und Schlafen.

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Da es jetzt gleich weiter geht, und ich den Samstag nicht allein verbringe, mach ich heute mal Pause hier und geh nicht rein in ein Thema. Obwohl, …

Es haben sich drei Vortragschancen bei der IPServiceWorld, der LMU und nochmal für Izmir auf der PATINFO ergeben, die gleich mich sehr beschäftigen. Auch naht unser Sommerfest und meine Rede, obwohl schon im Draft fertig (oh la la!), wirft ihre Schatten voraus.

Die Nachbearbeitung der Kontakte, die Tasks der nächsten Woche und auch ein interner Blogpost geistern in meinem Innern rum.

All das hält mich ab, hier jetzt in die Reflexion zu gehen.

Trotzdem, es war eine gute Woche. Hab mich befreit und frei gefühlt in Ilmenau, hab vertraut und los gelassen. Nun: Ausatmen. Lächeln. Einatmen. Los!

Wünsch Euch einen erholsamen Samstag!

Ablehnung Aushalten

Berlin, 6:29, Tag 810

Heute Nacht habe ich eng gedrängt mit vielen anderen ein Mittagessen einnehmen dürfen. Ein Ausflug, eine Schulung und ein Sehenswürdigkeit waren abwechselnd in der Nähe. Ein Bus wollte durch und unten rechts abbiegen, wir sassen essend im Weg. Der Busfahrer stieg aus, erst sauer schimpfend, dann um beim Wegräumen der Tische zu helfen. Ich wachte zeitig weit vor dem Wecker auf.

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Heute ein trüber Tagesstart. Es regnet und ist wieder kälter. Ich lese hier schon viel rum, habe auch schon ein paar Mails nebenbei bearbeitet.

Werde grade etwas optimistischer, dass ich auch ohne ständig in Konflikte zu laufen, leben und arbeiten kann.

Denn ich weiche Hungergeistern grade aus, wenn ich kann. Wenn ich nicht ausweichen kann, setze ich ihnen Grenzen. Nein, ich bestimme selbst meine Grenzen. Versuche es zumindest.

Bemerke eben, dass Hungergeister Ablehnung gewohnt sein müssen. Ja, dass sie geradezu nach Ablehnung lechzen, sie provozieren, wo sie nur können.

Die Intention, der Grund ihres Handelns ist ihr Hunger, ihr ständig Anerkennung oder Bestätigung verlangendes Ego. Dieser nie stillbare Hunger nach mehr Anerkennung, nach mehr Bestätigung. In immer höherer Dosis. Immer mehr.

Dabei rationalisieren Sie ihren unstillbaren Hunger als normales Bedürfnis, als berechtigtes Interesse, als anerkanntes Verhalten, als erforderlichen Respekt, als notwendigen Dank, als zwingende Voraussetzung, als schicksalhafte Krankheit, als vorübergehende Phase, als unvermeidbare Schwäche, als unverzichtbare Stärke, als seltene Fehlinterpretation, oder auch als unerwarteten Angriff auf Sie.

Immer im Aussen suchend!

Dabei haben wir alle tausend schnelle Erklärungen parat, warum wir eben nicht schwach, eben nicht fehlerhaft, eben nicht perfekt sein können, sondern warum wir so perfekt hungrig, doch in Ordnung sind.

Es sind doch die anderen, die eine Verantwortung für uns haben.

Unser grosser Hunger danach, immer stark, fehlerfrei, perfekt sein zu müssen ist doch ganz natürlich. Es sind aber die anderen, die uns das ständig bestätigen müssen. Und genau deshalb sind wir laut oder leise, genau deshalb sind passiv oder aggressiv immer auf der Suche im Aussen!

Und ich kenn mich damit aus. Ich habe einen starken Hungergeist in mir. Ich schrieb früher schon, dass ich ein zur Sucht neigender Mensch bin. Meine Suche nach Anerkennung, hat sehr viel mit meiner Sucht nach Nikotin, nach Alkohol oder anderen klassischen Drogen zu tun.

Die Suche nach Anerkennung, nach Beziehung, nach verlässlicher Bestätigung kann man damit dämpfen und gleichzeitig sind diese Stoffe, relativ verlässliche Gefühlsauslöser.

Wenn man das irgendwann versteht, wenn man irgendwann weg von diesen unterhaltsam, dämpfenden Süchten ist, wenn sich davon befreien kann, wenn man das klarer wird, dann kommt irgendwann der Punkt, dass man versteht, dass man immer noch der gleiche, schwach-starke fehlerhaft-perfekte Mensch ist, der man immer schon war.

Ja, der Hungergeist in mir ist Ablehnung gewohnt. Ja, er lechzt  gerade zu nach Ablehnung, denn genau diese Ablehnung bestätigen seine Bedürfnisse, seine gesamte Existenz.

Meine Ablehnung, von dem was ich bin, erschafft den Hungergeist in mir ja erst.

Das zu verstehen, fällt mir nicht leicht.

Das zu erleben, fällt mir sehr schwer.

Mich so anzunehmen, wie ich heute im Moment bin, das ist die eigentliche, sich immer wiederholende Aufgabe. Meinen Hunger mit liebevoller Freundlichkeit anzuschauen, und ihn auszuhalten, ihn vorbei gehen zu lassen, mich nicht vom ihm einfangen, bestimmen, definieren und kontrollieren zu lassen, das ist die sich immer wiederholende Aufgabe für mich!

Und die Ablehnung anzunehmen und auszuhalten, das ist der Schlüssel zur Lösung!

Wünsch Euch nachdenklich einen produktiven Tag!

Rampart’s Walk with Nathalie

Istanbul, 6:29, Tag 795

Heute Nach habe ich mich nach NYC geträumt, dort in ein paar verwinkelte, riesengrosse Wohnungen. Es wurde eine Party vorbereitet. Aber ich fand mich in den privaten Räumen wieder. Fred Wilson gehörte die Wohnung, er veranstaltete die Party. Dann tauchte Michael Arrington auf. Er fragte mich, wo ich her komme, schüttelte mir die Hand. Als ich sie los lies, fiel er hinten über. Das war geplant, wurde gefilmt. Dann sollte ich drei Aufgaben lösen, mit vielen Menschen um mich herum. Zum Glück kriegte ich alles ganz gut hin, allerdings nur mit Ausländerbonus. Als mich ein Doorman heraus komplimentierte, wachte ich zeitig und müde auf…

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Gestern habe ich mich doch aufgerafft, raus zu gehen und an einem weiteren geführten Spaziergang durch Istanbul teil zunehmen. Diesmal mit Nathalie Bevernaegie von Istanbul Privé. Es war kein spezieller Fotowalk, so war die Strecke länger mit fast 15km und die Toleranz für Fotostops war etwas geringer. Aber ansonsten: Grossartig! Tolle Gegend, durch die uns Nathalie nach einer kurzen Fahrt auf dem Golden Horn geführt hat. Ältere Viertel zwischen der alten Stadtmauer und der Galatha Brücke.

Als ich abends die Bilder von der Kamera holte und durchschaute und meine Favorites markierte, hatte ich noch kein Thema gefunden.

Dann habe ich ein Facebook Album angelegt und beim Upload bemerkte ich, dass auf jedem Bild etwas Lebendiges, etwas Lebendes zu sehen war.

Anders als sonst, haben mich Strukturen, Stilleben, Architektur oder Linien gestern nicht so sehr gefangen genommen. Vielmehr das unglaublich lebendige, trotz oder wegen der Armut und Einfachheit fröhlicher erscheinende, alte Istanbul!

Hier ein paar der Eindrücke von gestern für Euch auch hier in meinem Blog.

Hab schon viel weggearbeitet heute morgen, und deshalb wünsche ich Euch etwas später: einen tollen Start in den Montag der neuen Woche!

Wer findet den Buntspecht?

Noch Berlin, 6:22, Tag 629

Heute Nacht habe ich mich mit dem Europäischen Patentamt getroffen. Erst einmal bewunderten wir Werbegeschenke, aufsteckbare Krawattenverschönerer, die sich wie ein goldenes Skelett um den Krawattenknoten legen und ihn in Form bringen. Das EPO verbietet seinen Mitarbeitern nun mit dem Taxi zu Meetings zu fahren und den Rest des Traumes hab ich mit der Dusche vergessen…

Wäre ich gestern Abend nicht noch eine Runde über den Riesenfriedhof hier in der Bergmannstrasse gedreht, dann hätte ich mich gestern überhaupt nicht vom Laptop weg bewegt. Auf meinem Fitbit hatte ich grade mal 1.500 Schritte Abends um 7. Wir sitzen an der Kalkulation und den Angeboten fürs 2. Halbjahr, das am Montag beginnt. Damit beide Seiten gewinnen können, sind einige Änderungen, einiges Strecken, einige Verbesserungen notwendig, die ich gerne vor meinem Urlaub noch erledigt hätte. Wobei ich wohl auch diesen Sommer keinen wirklichen 2 Wochen Cliché Urlaub machen werde, vielleicht ein paar Tage Offline im Sommerhaus, vielleicht ein paar Tage spontan irgendwo in den Süden.

Die Friedhöfe an der Bergmannstrasse sind meine Entdeckung dieser Tage. Nachdem ich mit Ingress mehr auf mein Smartphone schauen muss, beim Spazieren gehen, bin ich jetzt wieder ganz bei meiner Umgebung und lasse mich treiben. So habe ich den riesigen Friedhof gestern einmal komplett umrundet. Es sind eigentlich drei oder vier Friedhöfe,  die zusammen gewachsen sind oder einfach nur zusammen angelegt wurden.

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Wie ein riesiger, ruhiger Park keine 300m weg von hier. Ich war ab und zu schon mal auf in den letzten Jahren auf einer Bank gleich gegenüber der Post, wenn ich Mittags etwas Zeit hatte oder ich mich beruhigen musste. Aber so richtig auf Entdeckungsspaziergang bin ich nie gegangen. Das hat sich nun geändert.

Langsam finde ich mich auch zurecht. Die vier Friedhöfe sind durch Mauern getrennt, die nur an manchen Stellen unterbrochen sind. Das erschwert die Orientierung etwas vor allem für mich als Neuling. Nach drei langen Streifzügen, kriegt mein interner GPS Sensor das jetzt ganz gut hin, weil ich viele Blickwinkel wieder erkenne und durch Querwege die Richtung nicht mehr verliere.

Hier meine Schnappschüsse von gestern Abend. Die starken Kontraste haben das iPhone etwas überfordert. Ich musste oft mit Hand eine Sonnenblende formen, um bis in die Schatten zu kommen und graues Überstrahlen der Ränder zu vermeiden. Auch sind die Linien eine echte Herausforderung für mich. Die Gräber sind doch vergleichsweise kompakte Objekte, bei denen Verzerrungen und Schrägen viel mehr auffallen als bei Streetfotografie. Dort sind die Objekte, als die Häuser und Strassen und Laternen und Schilder ja viel, sehr viel größer und man kann sich ein paar gerade Linien raussuchen. Auf dem Friedhof ist schnell das ganze Objekt im Sucher.

Am meisten beeindrucken mich die Gräber um die Jahrhundertwende so gegen 1900, die monumentale Architektur der noch Kaiserzeit und der Reichtum nach der  Gründerzeit sind sehr deutlich zu spüren. Sehr, sehr schön! Wer möchte, kann sich gerne mit mir zu einer Führung verabreden, dann braucht er nicht selbst auf dem riesigen Areal zu suchen. 😉

Hier nun aber endlich die Bilder, ohne Kommentar einfach hintereinander weg in gross. Einen hab ich noch: ich hab sie gestern fürs iPhone nachbearbeitet, also nicht wundern, die Farben sind hochgezogen in meinem Instagram Stil, den ich die letzten Jahre entwickelt hab. So!

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Wünsche Euch lächelnd, einen ganz grossartigen Freitag!

Ich bin süchtig, also lebe ich…

Istanbul, 6:29 CET, Tag 538

Heute Nacht habe ich mit Bradley Manning zusammen versucht, die Öffentlichkeit über Mißstände bei der Army aufzuklären. Als er versuchte seinen Vorgesetzten zu küssen, um ihn davon abzulenken, rutschte mir das Herz in die Hose. Aber der Offizier liess es geschehen. Alles klar, wir hatten einen Verbündeten gewonnen. Ich wachte auf, ohne dass ich erfuhr, was mit unserem rausgeschmuggelten Kassiber passiert wäre…

Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch. Früher war Sucht gleich Krankheit. Und alles, was ich heute tue, hat auch immer auch einen Anflug von Abhängigkeit und Missbrauch, der modernen Definition von Sucht.

Ich versuche immer an meine Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Und ich versuche, die Grenzen von Themen und Dingen zu erforschen und noch weiter. Ich versuche all-in zu gehen und nicht zu viel huschhusch, nebenbei und auch das noch zu machen. Ich möchte spüren, wie es ist ganz und gar zu leben. Und ich möchte meinen Körper dabei spüren, wie fühlt es sich an, am Leben zu sein? Wo ist das Gefühl? Was macht das Gefühl mit mir? Davon bin ich abhängig. Und von so viel mehr.

Ohne Luft, ohne Sonne und Licht, ohne Liebe und Anerkennung ohne zu essen und zu trinken kann ich nicht leben. Ich bin auch abhängig davon, gesund zu sein. Und ich meine körperlich, emotional und geistig gesund zu sein.

Ich brauche Menschen um mich, die mich respektieren, die sich für mich interessieren, wie der Säufer den Schluck. Ich brauche einen Ort zu Leben, an dem ich mich wohl fühle, wie der Junkie den Schuss. Ich brauche einen Sinn bei meiner Arbeit, einen Grund zu leben, genau wie der Raucher den nächsten Zug.

Es gibt aber auch Menschen, die davon abhängig sind, sich zu bewegen, immer schneller, immer weiter. Sie brauchen das Runnershigh, wie ich früher den Rotwein jeden Abend. Es gibt andere Menschen, die sind abhängig davon sich zu vergleichen, sich zu erheben über andere. So müssen besser sein, schneller sein, erfolgreicher, reicher, cooler sein oder auch einfach nur anders sein. Ohne den ständigen Vergleich zu ihren Gunsten, werden sie nervös, wie ich früher vor der nächsten Zigarette. Es gibt Menschen die tun alles, um ihre Macht zu behalten. Sie sind abhängig von ihrem Titel, ihrer Position, ihrem Einfluss, letztlich abhängig von ihrem Recht im Zweifel legal Gewalt ausüben zu dürfen. Sie müssen über anderer Menschen Zeit, Ort und Themen bestimmen dürfen, sonst verhungern sie, wie ich heute ohne zu essen. Es gibt andere Menschen die sind abhängig von Geld, sie müssen es besitzen, immer mehr und immer mehr. Sie wollen kaufen und konsumieren und der Welt zeigen, dass sie es zu etwas gebracht haben. Sie berauschen sich daran, wie ich früher bei einem Zug vom Joint.

Ich habe all das probiert. Ich kann es verstehen. Vieles ist verführerisch. Vieles ist möglich. Vieles ist positiv und manches aber nicht. Denn die Grenze zum Missbrauch ist schwammig. Ob von Stoffen oder von Verhalten ist immer eine Frage der Perspektive, eine Frage der Position. Ich kann mich nicht frei entscheiden, ob ich abhängig von Luft sein möchte oder nicht. Wenn ich leben will, muss ich Luft atmen und Mengen davon verbrauchen, die für kleine Katzen tödlich wären.

Wie wäre es wohl, wenn ich nicht süchtig wäre? Ich würde nicht existieren. Mich würde es nicht geben. Wir sind alle abhängig von etwas. Wir können nicht allein, autark, unabhängig leben. Wir sind eingebettet in ein Netz, in eine Welt von Abhängigkeiten, von Verbindungen und Bindungen, die uns letztlich erst erschaffen.

In der buddhistischen Psychologie gibt es eine Metapher vom giften Baum, mit der sich ganz gut illustrieren lässt, was ich hier mit Missbrauch meine. Wenn man in seiner Umgebung einen giftigen Baum entdeckt, dann ist die erste Reaktion meist, dass man ihm bekämpfen oder fällen möchte. Sie wie viele Menschen und Staaten auch, Süchte von Substanzen oder süchtiges Verhalten bekämpfen und vernichten möchten. Man fürchtet den Schaden, die Vergiftung und den Schmutz und will die Ursache, den Baum am liebsten aus der Welt entfernen.

Irgendwann merkt man vielleicht und hoffentlich, dass auch der giftige Baum einen Teil des Lebens darstellt und dazu gehört und man zäunt ihn ein, stellt Warnschilder auf und klärt auf, was passiert, wenn man von seinen Früchten nascht. Wir machen auch das zum Beispiel mit den Warnungen und Bildern auf Zigarettenschachteln. Die Sprache der Angst und des Kampfes wandelt sich. Es gibt mehr Verständnis und Respekt vor dem Leben.

Und vielleicht versteht man am Ende einmal, dass gerade Probleme und Gifte unsere besten Lehrer sind. Man sucht den vergiften Baum dann auf, um seine Früchte medizinisch zu nutzen. Man versucht damit aufzuklären und das Leiden zu heilen. Wir suchen die geheilten Süchtigen und lesen ihre Bücher, lassen uns berichten, was passiert ist, um daraus für uns zu lernen.

Irgendwann begreifen wir vielleicht, dass erst aus der Konfrontation mit unseren Abhängigkeiten, mit unseren Süchten und dem Missbrauch wirkliches Verstehen, also Einsicht und dann Unabhängigkeit möglich wird.

Wünsche Euch einen fantastischen Tag!