Tag 983

Istanbul, 7:08

Heute Nacht bin ich nochmal umgezogen. Nach einem sehr intensiven Workshop in der Firma, den ich unbeendet lassen musste, wohnten wir plötzlich im Zentrum von Leipzig. Die Wohnung war schön, bis ich vor die Tür trat. Über mir, eine riesige 747 im Landeanflug, ein Puff gleich rechts, die Strasse voller schräger Leute. Aber ein schöner Fluss schimmerte durch Bäume und die Schule lag gleich am Flughafenzaun. Es fühlte sich alles an wie ein schrecklicher Alptraum.

Die aktuelle Ausschreibung und unseren kürzlichen Umzug nach Berlin finde ich in diesem Traum wieder. War auch gestern schon sehr dünnhäutig, übersensibel. Entsprechend anstrengend ist grad der Umgang mit mir.

Dieses Zurückfinden in den Moment, dieses Sehen von scheinbaren Ursachen und Wirkungen, von Wurzel und Frucht, hat manchmal unangenehme Nebenwirkungen. Nämlich dann, wenn ich in Moll bin. Und warum fällt mir grade jetzt Kernkraft dazu ein? Aber nur weiter rein und nicht raus, noch eine Stufe tiefer, noch eine Schicht weg. Und dabei alles los lassen. Nicht hängen bleiben. Es sehen und durchziehen lassen. So verführerisch die dunkle Seite auch zu sein scheint, sie kennt kein Glück.

Auf einer Fahrt zur Uni gestern sind wir an der Medine Mescidi Moschee vorbei gekommen. Gestern habe ich sie mit Aleyna zusammen besichtigt. Nur zwei ältere Herren passten auf, liessen uns rein, und uns in Ruhe. Wir schauten, bewunderten die Details und haben sogar zusammen für fünf Minuten auf dem Teppich meditiert. Als die vorbei waren, schob sich die Sonne durch die Wolken und schien mit genau in die Augen.

Nach der Sancaklar Moschee, die mich an Japan und Zen erinnerte, meine zweite modern gestaltete Moschee. Und dies mal hatte ich die ganze Zeit jüdische Assoziationen, als ob dem Architekten der Davidsstern als Inspiration diente?

Eine Terminkollision beschäftigt mich sehr und induziert, verstärkt, kanalisiert, potenziert meine Unruhe. Erinnere mich an diesen Text von Petra Schulte, der mich zum damaligen Zeitpunkt sogar fast Rat geben ließ. Ich will wieder in diesen Zustand zurück, möchte wieder Vertrauen finden, dass alles gut ist, wie es ist, alles gut wird, wie es wird. Diese heutige Unruhe und Rastlosigkeit, fast Verzweiflung, die Angst vor Kontrollverlust, die darin begründet liegt, nicht alle Beteiligten zufrieden stellen zu können.

Das auszuhalten, fällt mir sehr schwer.

Und dann, genau in diesem Moment des Nachfühlens leuchtet mich der Sonnenaufgang vor dem Fenster an, malt Farben und Kontraste in den Himmel.

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Wir können dem Leben nicht unseren Willen aufzuwingen. Wir können es nur annehmen, es auskosten, die Höhen und die Tiefen. Beide gehören zusammen. Beide sind gleich schön, gleich hässlich. Auf unsere Wertung kommt es nicht an!

Wünsche Euch, ganz ruhig, einen Mittwoch voller Vertrauen.

Veröffentlicht von Arne Krueger

co-founder of http://mtc.berlin · info tech service provider · zazen · horsemanship · photography

Ein Kommentar zu “Tag 983

  1. Ganz herzlichen Dank, Arne Krüger! Weil Sie ihm diese schönen Bilder und eine Auflösung geben, die den Meta-Zusammenhang für mich jeweils noch stimmiger machen und mich erinnern werden.

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