Gelassenheit

Bizimköy, 7:28, Tag 888

Alles Achten da oben heute! Seit 111 Tagen schreibe ich wieder jeden Tag. Ein paar Pausen gab es, aber es schreibt sich ganz leicht. Die Routine ist wieder da, die Erinnerung an die ersten 777 Tage klärt sich. Vor allem der Wegfall der Träume fühlt sich für mich gut an.

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Hab gestern langsam wieder mehr angefangen, mich mit der Arbeit zu beschäftigen. Unsere verschiedenen Mitarbeiterlisten für Daten, Gruppen, Gehälter, Skills sind etwas durcheinander, das möchte ich aufräumen und ein Masterexcel bauen, aus dem alle die verschiedenen Listen ergeben. Wenn das durch ist, dann ein Excel für unsere Aufträge, die Planung und Kalkulation. So mein Plan für die nächsten Tage. Hier in Ruhe kann ich ein paar Stunden, eigentlich Tage mit dem Fokus auf diese eine Aufgabe zubringen.

Die Ablenkungen sind eher erholsamer Natur, bringen mich zwar auch immer wieder aus dem Konzept. Aber am Strand etwas zu lesen oder zu spielen oder aufzuräumen, zu kochen oder Essen einzukaufen, lässt den Fokus im Unterbewusstsein erhalten bleiben.

Noch ein Effekt des Schreibens hier. Nachdem ich gestern über mein News lesen hier geschrieben habe, hatte sich der Effekt sofort abgeschwächt. Als ob durch das Schreiben am Morgen eine kleine Distanz, etwas mehr Freiraum zwischen Reiz und Reaktion gewinnen kann.

Die beiden Aufgaben, also eine neue Übersicht, mehr Klarheit über die Mitarbeiter und unsere Aufträge scheint mir nun ein schönes Sommerprojekt zu sein. Die Widerstände der ersten Tage, die das Ausbrechen aus den Ritualen, aus den Routinen erzeugen ist fast verschwunden. Auch schwingen wir uns hier zu Dritt grade ganz gut ein. Die Erwartungen an die Zeit hier, an die Anderen nähert sich mehr der Realität. Neue Routinen entstehen, die dem Tag Struktur geben.

Eine andere Art Gelassenheit entsteht, wächst bei mir heran. Gestern wurde mir das mehrere male bewusst, als wir über heisse Themen stolperten. Ich konnte erst mal einfach zuhören und dann in meine Kommunikation Fragen einbauen. So fragte ich ein paar mal um Erlaubnis, meinen Rat oder Meinung auszusprechen. Das fühlte sich richtig gut an, vor allem die Pause nach der Frage, das Warten und Nachdenken dabei.

Irgendwie entsteht dadurch ein neuer Raum im Jetzt. Als ob ich sonst einfach schnell verglichen habe. Ich meine ja, die meisten der Probleme hier schon zu kennen. Oft denke ich, hier wiederhol sich doch ein Konflikt einfach. Meine Antwort ist entsprechend stereotyp, besteht aus einer bereits vorgefertigten Meinung, die einfach noch nicht verstanden, noch nicht oft genug wiederholt worden ist. Wie nervend!

Mit diesem Ansatz von neuer Gelassenheit, bleibe ich erst mal bei mir und höre zu. Springe nicht gleich zur letzten Meinung zurück, dass dieser oder jene Konflikt doch ganz einfach zu lösen sei. Das fühlt sich ganz gut an.

Liegt vielleicht an dem entschleunigten, ruhigeren Umfeld hier oder an dem besseren, weil lokalem und frischem Essen. An der Strandnähe. Egal eigentlich. Oder auch nicht, denn ich möchte natürlich, dass diese Gelassenheit, dieses dem anderen, neuen Platz einräumen auch nach dem Urlaub erhalten bleibt.

Vielleicht ist hier doch eine Verbindung zum Zazen Retrat. Diese Notwendigkeit, sich ab und zu mal raus zu nehmen, aus dem Alltag, aus der Routine. Mir zu erlauben, mal auszubrechen. Und dann abzuwarten, was passiert. Scheine ja mein Thema für diesen Sommer hier gefunden zu haben. Da kommt gleich Freude auf!

Und nun ist die Zeit ran, die Mädels aufzuwecken. Heute fahre ich nach Istanbul, ein paar Besorgungen zur Halbzeit machen. Werde zwei mal drei Stunden Busfahrzeit haben. Viel Zeit, um meine Excel im Kopf weiter vor zu denken, während die wuchernde Stadt und ihre Bewohner an mir vor rüber ziehen.

Mit zwei Bildern von Strandläufern, einmal der Simitci, der Sesamkringelmann und dann der Midyeci, der Miesmuschelmann, verabschiede ich mich heute.

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Neben den beiden gibts noch den Maiskolben, den Kekse- und dann den Zuckerwattemann. Mal schauen, ob ich die auch noch so erwischen kann. Denn mit allen Fünfen und ner Flasche Wasser kann man ganz gut am Strand überleben. Jeder hat übrigens seinen ganz eigenen Ruf und Melodie. Müsste ich eigentlich auch dokumentieren, ist aber echt schwierig, da sie nicht auf Bestellung so schön rufen, sondern eben nur, wenn keiner in der Nähe grade kaufen will. Sobald sie mein Interesse an ihnen bemerken, was ja rein dokumentarischer Natur ist, verwechseln sie das mit kulinarischem Interesse und hören auf zu rufen. Ein Dilemma!

Also, wünsch ich Euch einen tollen Mittwoch, bei allem was immer ihr auch heute vor habt!

Veröffentlicht von Arne Krueger

co-founder of http://mtc.berlin · info tech service provider · zazen · horsemanship · photography

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