Achtsamkeit gegen Ohnmacht

Bizimköy, 7:34, Tag 887

Spät starte ich heute hier. Bin schon eine Weile wach. Hatte eine Einsicht. Was für Unterschiede hier in unserem Urlaub zu unseren Zazen Retreats herrschen. Einmal Achtsamkeit bei Regeln, Zeitplan, Kochen, Arbeiten, Unterhalten, sich abwechseln mit Einkehr, Meditation, Ruhe, Stille. Hier im Gegensatz dazu, gibt es Dynamik, Varianz, Flexibilität, auch Ruhe, auch Stille, auch Kochen, Arbeiten, Unterhalten, aber so anders. Meine Achtsamkeit scheint hier geringer, obwohl ich könnte. Hier herrscht mehr Ablenkung, mehr Unterhaltung.

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Lese viele News, gefiltert durch Facebook und Spiegel Online. Diese Tragödie um Griechenland beherrscht seit Tagen meinen Stream. Was für eine Show. Kaum auszuhalten, wie stark die Meinungen, wie unterschiedlich die Sichtweisen. Es ist nicht zu erkennen, was wirklich ist. Alles erscheint als Manipulation, Propaganda, Spiel, Drama. Egal von welcher Seite, ob in Deutschland oder der Welt. Mein Herz schlägt links-liberal. Die erfundenen Zwänge der Institutionen, der Systeme, die Spiegelung in den Medien erdrücken jegliche Menschlichkeit. Ab und an scheint diese durch. Diese Posts dann zu lesen, lässt mich die Verzweiflung derer ahnen, die etwas ändern, dieser Unausweichlichkeit etwas  entgegen setzen wollen:

So ein Europäer will ich gar nicht sein vom Kiezneurotiker.

Yanis Varoufakis full transcript: our battle to save Greece bei Newstatesman.

oder auch vom Neuen Deutschland, von welchem ich niemals dachte, dass ich es nochmal im meinem Leben verlinken werde:

Was ist da passiert?

Es fühlt sich alles so an, wie in der Zeit der Gezi Park Proteste vor zwei Jahren. Ich fühle die gleiche Verzweiflung, die gleiche Ohnmacht gegenüber diesen Systemen und den Menschen, die sich von diesen Systemen instrumentalisieren lassen. Die dabei so offensichtlich, so offen sichtlich leiden, sich abschneiden von Mitgefühl, von Empathie, von Liebe. Sich verstecken hinter Schutzschilden, seien es ihre Verträge oder ihre Ausrüstung. Vor zwei Jahren sah ich Polizisten mit Gasgranaten auf Protestierende zielen. Vor zwei Jahren sah ich Protestierende Steine auf Polizisten werfen. In den letzten Tagen waren es Worte, viele verletzende Worte. Und ich empfinde die gleiche Verzweiflung bei mir aufsteigen. Die gleiche Ohnmacht.

Und das aberwitzige ist doch, dass es sich um die gleiche Ohnmacht, die gleiche Verzweiflung handelt, die ich manchmal hier in diesem kleinen Systems meines Urlaubes empfinde. Wenn etwas nicht so gelingt, wie erdacht und erhofft. Wenn ein Streit um irgend eine hochwichtige Belanglosigkeit entbrennt. Wenn die Unruhe überhand nimmt. Die Lösung zu allem aber, liegt nur in mir. Wir haben schon immer alles, was wir brauchen. Das gilt fürs kleine Hier und das grosse weite da Draussen.

Meine Kleine kommt die Treppe runter. Jetzt zählt der Moment, nur dieser Moment. Ich kann anwesend, aufmerksam, achtsam sein oder ich kann mich in meinen Gedanken, Erwartungen, Gefühlen, Erinnerungen verstricken. In Dinge, die nicht hier, sondern nur in meinem Kopf hier sind.

Einatmen, Ausatmen, wahrnehmen, was ist.

Und damit wünsche ich euch einen achtsamen Dienstag!

Veröffentlicht von Arne Krueger

co-founder of http://mtc.berlin · info tech service provider · zazen · horsemanship · photography

Ein Kommentar zu “Achtsamkeit gegen Ohnmacht

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