Leidenschaft

Istanbul, 7:08, Tag 822

Heute Nacht habe ich eine Tasse ganz starken Mokka getrunken. Eine kranke Frau mit sehr dicken Beinen sah zu. Ich war auf einer gemeinsamen Flucht durch irgend ein Dorf. Und wachte zu zeitig auf, weil ich gestern Abend lange nicht schlafen konnte.

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Eben fiel mir ein, weil ein weiterer Kommentar eintrudelte, dass ich hier noch gar nicht das Video vom Landeanflug vor ein paar Wochen gepostet habe. Lässt sich ja nachholen:

Mhhh, was beschäftigt mich jetzt gerade? Die Apple Watch.

Der Hype ist riesig, die Möglichkeiten der Technologie sicher auch. Aber meine Moto360 liegt incl. des Android Smartphones schon länger im Schrank, auch wenn ich den schnellen Check der Benachrichtigungen und die Navigation am Handgelenk als sehr nützlich empfand. Die Moto360 und sicher auch die Apple Watch sind hervorragende Ergänzungen zum Smartphone und machen einige der häufigen Interaktionen damit einfach oder verlagern es vom relativ auffälligen in die Hand nehmen zur leichten Armbewegung. Hab ja eine bestellt, aber Apple lässt sich viel Zeit mit der Herstellung und Lieferung.

Was beschäftigt mich noch? Mich nicht zu streiten.

Ich brauch dringend eine funktionierende Alternative zu Streit. Was mache ich, wenn mich bestimmte Verhaltensweisen meiner Mitmenschen stören, wenn ich den Folgen dieses Handelns ausgesetzt bin und das nicht möchte? Was mache ich, wenn ich eine starke Meinung habe, dass es auch anders geht? Wenn ich sehe, dass sich Menschen die ich wirklich sehr mag, selbst schädigen, selbst verletzen? Das beschäftigt mich wirklich stark. Selbst, wenn ich mich dann nicht streite, wenn ich nicht die Stimme erhebe, nicht laut werde, nicht angreife, sondern ganz ruhig bleibe und abwarte, sieht man mir meine Meinung, meine innere Unterhaltung, die versucht die Ablehnung, das Unwohlsein, den Ärger nur wahrzunehmen, auch noch sehr deutlich an. Das zumindest entnehme ich der Reaktion meiner Mitmenschen, denen ich ausserdem anscheinend angewöhnt habe, dass ich meinem Ärger durch Streit Ausdruck verleihe und diesen nun sogar einfordern. Ohmann!

Was beschäftigt mich noch? Die Motivation meines Handelns.

Vorgestern, glaube ich, habe ich bei Mark Manson einen Satz gefunden, der mich getroffen hat. Wie ein erster Kuß. Ich hab dann schnell meine Version daraus erzeugt, hatte aber noch die Geistesgegenwart, diesen auch zu googeln. Huch, naja, war klar, dass ich nicht der erste Mensch war, der darauf gekommen ist.

Also der Satz ging so:

Passion is a result, not cause, of my actions.
~
Leidenschaft ist Ergebnis, nicht Grund, meines Handelns.

Das ist schwer zu akzeptieren. Unsere westliche Gesellschaft, vor allem in der den Medien und der Werbung, wird dies genau anders herum dargestellt: wir sollen unsere Leidenschaft suchen und finden und sie dann ausleben. Hier seht ihr einen Mensch, wie er genau das tut, und seht nur sein Lachen und wie schön er ist? So suggeriert es die Werbung und viele der Artikel die ich hier im Netz lese.

Das, wofür ich leidenschaftlich brenne, soll ich auch tun, das ist die Ursache, das ist meine Motivation. Ich liebe meinen Job. Ohne Leidenschaft bin ich nicht gut in dem, was ich tue.

Nun drehe ich das rum und spüre, wie das provoziert. Das ist ja genau das mich Anziehende an diesem Satz, das auf den Kopf stellen der gängigen Meinung.

Trotzdem ich bleibe dabei, es ist ein Trick unseres Geistes, der uns im Nachhinein erzählt, dass wir das, was wir tun, aus Leidenschaft getan haben und deshalb eben auch Erfolg, Spass, Glück gehabt haben.

Wir verstehen nicht, warum wir bestimmte Handlungen ausführen, bei denen wir überhaupt keinen Spass empfinden, die uns schwer fallen, die anstrengen, die kompliziert oder komplex sind, die uns herausfordern, die uns an unsere physischen und psychischen Grenzen und darüber hinaus bringen.

Das kann dann echt nur Leidenschaft sein?

Ja, das klingt jetzt gängig positiv und entschuldigt, erklärt, entlastet uns irgendwie: Er ist ein so leidenschaftlicher Sportler, dass er sich beim Paragliding, Basejumping, Freestyle irgendwas schon xyz mal selbst verletzt hat, was für ein Vorbild! Er ist ein so leidenschaftlicher Unternehmer, der so viele Mitarbeiter begeistern kann, sehr hart für die Firma zu arbeiten, sich selbst zu vergessen und Überstunden zu schieben (und ihm die Konten zu füllen), was für ein Vorbild!

Ich nehme es vielen einfach nicht ab, dass Leidenschaft der Grund ihres Handelns ist. Sie sind nicht ehrlich zu sich selbst. Es sind oft Zwänge, Notwendigkeiten.

Wir haben eine Vorstellung davon, wie unser Leben: unsere Arbeit, unsere Wohnung, unser Partner, unser Lebensstil zu sein hat. Um diese Vorstellungen zu verwirklichen, gehen wir viele Kompromisse ein. Ich bin überzeugt davon, es ist nicht die Leidenschaft für eine bestimmte Arbeit, eine bestimmte Wohnung oder Partner oder Stil ist, die uns morgens aufstehen und all diese Dinge tun lässt, die wir so tun.

Es sind doch eher unsere Gewohnheiten! Unsere Gewohnheiten definieren uns, nicht unsere Leidenschaften. Wir sind zu über 99% in unseren Handlungen Vollautomaten, die im Autopilot durchs Leben gehen. Denn Wahrnehmung führt zu Handlung.

Und das, was wir bei bestimmten Wahrnehmungen tun, scheint dabei fest vorbestimmt zu sein. Es sind unsere Gewohnheiten, Reflexe, Automatismen, Zwänge. Und dabei nehmen wir bestimmte Zusammenhänge gar nicht mehr war. Wir denken, wir sind leidenschaftlich bei einer Sache, dabei verteidigen wir nur das Bild, welches wir von uns selbst haben.

Diese Einsicht schmerzt. Sie wirft uns zurück auf uns selbst. Und da wir nicht mit unseren Schwächen, unseren Fehlern und unseren Wunden und Narben konfrontiert werden möchten, weichen wir aus.

Ich gehe Impulsen nach, meinen Interessen, meinen Ahnungen und Neigungen. Ich wollte eben schreiben: ich liebe Gadgets. Und wäre damit in genau die gleiche Falle getippt.

Es ist eher so, dass ich bei der Beschäftigung mit meinen Gadgets ich positive Gefühle verspüre und davon will ich mehr haben. Deshalb kaufe ich alle möglichen Gadgets, die ich überhaupt nicht brauche, die mich nicht lange begeistern und von denen die meisten schnell in meinen Schubladen und Regalen wieder verschwinden und für deren Budget ich mich viele andere schöne und tolle Erlebnisse hätte schaffen können.

Aber das ist mir egal. Das Gefühl, wenn ich ein Gadget kaufe, es auspacke und installieren und damit rumspiele, das will ich haben.

Deshalb muss ich auch immer neue Gadgets kaufen, denn das schlechte Gewissen, dass das vor vier Wochen erworbene x schon kaputt, ignoriert, langweilig ist, das will ich natürlich nicht haben.

Nun erkläre ich einfach der Welt meine Leidenschaft für Gadgets und schon bin ich aus dem Schneider! Ich kann so viele sinnlose, überflüssige Spielsachen kaufen, wie ich möchte und die kann ich auch gleich wieder abstossen. Denn ich bin eben ein leidenschaftlicher Gadget Fan. Versteht sicherlich jeder! Und wer es schafft, so wie ich, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Was für ein Held.

Aber nun schliesst sich der Kreis:

Das schöne am deutschen Wort Leidenschaft ist der Wortstamm: Leiden. Vielleicht auch Passion, das ist etwas neutraler. Aber in der Definition der beiden Worte geht es einfach nur um starke Gefühle. Leidenschaft oder Passion ist also ein starkes, uns komplett beherrschendes Gefühl, etwas oder jemandem Gegenüber.

Nun hab ich es!

Wir tun Dinge mit Leidenschaft, die in uns starke Gefühle auslösen. Wir tun also Dinge, um starke Gefühle zu fühlen. Sag ich doch. Leidenschaft (= starke Gefühle) sind das Ergebnis, nicht der Grund, unseres Handelns.

Wir alle haben eine Sehnsucht, und suchen, ja gieren regelrecht nach Beweisen unserer Lebendigkeit. Ich glaube, das ist fest eingebaut in jeden von uns. Und genau deshalb tun wir Dinge, die uns diese Lebendigkeit beweisen, bei denen wir starke Gefühle empfinden, die uns lebendig, glücklich, erfüllt, erfolgreich, schön, stark, gesund, gut sein lassen.

So einfach und so schwer!

Wünsch Euch leergeschrieben einen erfüllten Sonntag!

Veröffentlicht von Arne Krueger

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