Soziale Distanz

Berlin, 5:55, Tag 818

Heute Nacht habe ich schön erzählerisch geträumt. Bin mit einer Dreierlösung für irgend ein Problem aufgewacht, wusste mich aber schon beim Augen aufschlagen nicht mehr zu erinnern.

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Der Sonnenaufgang ist heute auch ruhiger und friedlicher. Aber grad eben erst, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, fing das heutige Leuchten erst an. Eine Wolkenformation ist aufgezogen, welche wieder etwas Drama für den heutigen Moment der Verbindung erzeugt.

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Heute ist mtc All Hands Tag.

Ich bin, wie immer eigentlich, leicht aufgeregt. Das Konzept schon fertig, die Slides noch nicht, die Erinnerungsmail hab ich gestern nicht mehr geschrieben.

Schön ist, dass ich trotz der Aufregung nett zu mir und anderen bleiben möchte. Ich merke, dass ich zwar konzentriert, aber nicht genervt von Störungen bin. Auch lenke ich mich ab, mit allem möglichen Dingen, um der Fertigstellung der Slides zu entgehen, aber ich lächle bei Entdeckung dieses Verhaltens eher über mich, als mich ertappt zu ermahnen.

Na, das ist doch Fortschritt.

Gestern war ein grosses Thema, dass ich als Oberchef wohl oft zu nett und zu verständnisvoll sei. Die Putzfrau so: ich kenne keinen anderen Oberchef, der sein dreckiges Geschirr selber in die Küche bringt. Und weiter, der immer ohne Anzug sei und mit dem man normal reden kann. Mhh?

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, wie so vieles.

Manchmal spüre ich sehr stark, wie sich einige bei mtc danach sehen, dass sie gerne einen grossen, lauten, visonären Egomanen als Oberchef hätten, der sie vor allem Unbill der Technik und den Kunden schützt, sie aus allen Katastrophen errettet. Jemand der ihnen sagt, was sie machen oder nicht machen sollen, der sie bestraft, wenn sie Mist bauen und der sie belobigt, wenn sie ihren Job gut machen. Also nein, sie wollen natürlich nicht, dass man dies alles wirklich für sie/mit ihnen tut! Nein, sie wollen eigentlich nur jemand zum Oberchef haben, der dies für sie tut, aber nur genau dann, wenn sie es selbst wollen und brauchen. Ansonsten soll er bitte in seinem schönen Einzelbüro bleiben und nicht bei der Arbeit stören.

Ich hab das mal als soziale Distanz kennen gelernt.

Durch meine vielen Aufenthalte in der Türkei weiss ich, dass die dortige soziale Distanz zwischen Schichten in der Gesellschaft aber auch Organisationen und Familien viel größer ist, als bei uns. Durch meine Arbeit für viele Grosskonzerne weiss ich, dass die dortige soziale Distanz zwischen den Ebenen der Organisation viel größer sind, als bei uns, bei mtc. Zumindest äusserlich ist dort klar und deutlich zu erkennen, wer jeweils das Sagen haben möchte und die Verantwortung tragen sollte. Das orientiert und hilft sicherlich. Diese Rituale und Kategorien ermöglichen, zumindest erleichtern sie sicherlich manchmal das zusammen Leben und Arbeiten.

Aber sie sind für mich auch Quelle vieler Konflikte.

Aber ich mag es eben zu sehr, mir solche eigentlich unbewussten Verhaltensweisen bewusst zu machen. Zu versuchen, sie zu verstehen, sie bewusst einzusetzen. Dresscode, Pünktlichkeit, Agenda, Sitzordnung, Moderation, Stimmlage, Stile sind so die eher indirekten Instrumente. Anweisungen, Vorgaben, Strukturen, Prozesse, Entscheidungen, Aufgaben, Ziele sind direktere Instrumente. Oder Werkzeuge? Handwerkszeug? Nein, für mich sind es eher Instrumente zum Musik machen. Und nicht Werkzeuge, um ein Produkt zu erzeugen.

Hier breche ich oft unbewusst mit den Erwartungen meiner Kollegen und auch Kunden. Und zwar um etwas ganz Bestimmtes zu erreichen. Ich provoziere einen Mismatch, benutze eine zu schnell überwundene Distanz, erzeuge durch zu grosse Offenheit ein Unwohlsein.

Das strengt mich und andere oft an, aber ich habe keine Wahl. Es ist wie beim Leuchten am Morgen. Ich muss dann das Foto machen. Es ist wie kurz vor dem mtc All Hands. Ich bin dann aufgeregt.

Noch habe ich keine Wahl.

Ich lese mich grad selbst und finde mich doch naiv. Schreibe hier vor mich hin, über etwas, was nicht klar ist in mir, was mich beschäftigt und dem ich so Aufmerksamkeit, Raum und Zeit gebe. Dadurch entwickelt sich das Thema aber! Nur dadurch. Dort, wo wir hin schauen, verändert sich etwas. Nur dort.

Die Auflösung gestern war wunderschön. Eine kurzer Blitz der Einsicht.

Es geht um Selbstbewusstsein. Sich selbst bewusst sein. Es geht um Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Unser eigenes Ego erzeugt den Mismatch, die Provokation und den Konflikt. Es gibt kein Opfer. Es gibt keinen Täter. Es gibt nur mich. Ich bin Opfer und Täter zugleich. Mein Ego erzeugt die Differenzen, die Polaritäten, an denen ich mich reiben kann.

An den Nahtstellen, den Übergängen spüre ich besonders einfach, besonders intensiv, dass ich am Leben bin, dass ich lebendig bin.

Aber lebendig sein heisst auch immer, eine Wahl zu haben und sein Leben selbst zu gestalten. Im Licht von Aufmerksamkeit, nur im Licht von Achtsamkeit, nehmen wir wahr, was wirklich ist. Nur so können wir all die Vorstellungen, die Geschichten und die Erinnerungen auch als solche erkennen, als Konstrukte unseres Geistes, unseres Egos.

Dann können wir vielleicht sehen, dass es jedem so geht? Dass wir nicht allein damit sind, dass es nicht nur uns so geht? Vielleicht sehen wir dann, dass wir uns immer entscheiden können, wohin und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten? Was wir achtsam betrachten, was wir durchlassen und einladen mit unserer Wahrnehmung?

Ich habe eine Wahl. Immer!

Wünsch Euch aufgeregt einen schönen Mittwoch!

Veröffentlicht von Arne Krueger

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