Wahlmöglichkeiten

Berlin, 7:14, Tag 807

Heute Nacht habe ich von einer Matheprüfung geträumt. Die Aufgaben waren für mich unlösbar. Ich hatte den Kurs nicht besucht, der hier geprüft wurde und da ich den Rechenweg nicht kannte, half alles Überlegen nicht. Ich schrieb mit Bleistift in ein Heft und riss immer wieder Seiten mit meinen falschen Lösungen heraus. Als zwei Nashörner auftauchten und miteinander kämpften, wachte ich schön zeitig auf.

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Gestern war ich dann doch noch überraschend produktiv, gefühlt.

Habe aus der Morgenunzufriedenheit ein Machen erzeugen können. Habe angefangen, etwas zu tun. Und schon wurde es gut.

Wir machen uns unsere Probleme oft selbst. Wir überhöhen uns und unsere Erwartungen an uns selbst und an andere. Diese Unzufriedenheit ist oft unser Treibstoff, der uns aktiviert und anschiebt. Wenn wir mit etwas oder jemandem nicht zufrieden sind, dann wollen wir es ändern. Oder wir weichen der Situation aus, die wir scheinbar nicht ändern können.

Dabei probieren wir alle möglichen Taktiken, die wir in unserer Vergangenheit erlernt haben, wieder aus. Vor allem, wenn diese Taktiken in der Vergangenheit für uns funktioniert haben, sind wir schnell dabei, uns darin zu verbeißen. Das hat doch immer funktioniert, so wird es auch jetzt klappen und passen. Das sollte doch hier auch…, das muss doch jetzt…, wieso klappt das nicht?

Unsere Werte und unsere Identität, manche sagen Glaube, andere Charakter, wieder andere Kultur, sind dabei die entscheidenen Faktoren.

Es sind aber auch genau die Faktoren, die uns limitieren!

Die uns in unseren gewohnten Bahnen schwimmen lassen, die uns schützen, die wir gewohnt sind, an die wir uns gewöhnt haben. Wir haben so oft vor uns und anderen wiederholt, wer wir sind, was uns wichtig ist, was wir glauben, was wir können.

Wir glauben selbst daran. Wir können es uns nicht vorstellen, nicht mal im Ansatz, dass es nicht so sein könnte. Um aus dieser Falle unseres Egos zu kommen, hilft nur Achtsamkeit.

Es hilft nur Aufmerksamkeit auf die Details, auf den Moment, auf das, was wirklich passiert und was nicht wirklich passiert. Was sind Gedanken und Gefühle in uns? Was hat diese Gedanken ausgelöst? Was ist die Wurzel? Und was haben wir davon? Was passiert, wenn wir jetzt so handeln? Was wird das Ergebnis, die Frucht sein? Was sind unsere Wahrnehmungen, was wollen wir sehen, was wollen wir nicht sehen? Wie könnte es noch sein? Welche Möglichkeiten des Handelns habe ich jetzt?

Es sind immer mindestens zwei: etwas tun und etwas nicht zu tun. Dabei denke ich doch so oft, dass ich keine Wahl habe. Dass ich nur so oder so auf meine Umwelt, auf etwas, das mir passiert reagieren kann.

Zu meinen größten Freuden gehört es, dass ich mich rückblickend dabei ertappe, wie ich mir selbst mehr Wahlmöglichkeiten geschaffen habe. Wie ich in scheinbar ausweglosen Situationen einen anderen Weg, die Lösung, gefunden habe.

Mich motiviert ungemein, wenn mir jemand sagt, es gäbe nur diese eine, seine Lösung! Ich möchte es ihm, mir und der Welt beweisen, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt. Und sei es nur darum, um zu beweisen, dass es so ist.

So habe ich mit dem Rauchen aufgehört vor über 6 Jahren. Jemand sagte irgendwann mal zu mir: „Arne, Du hast doch keine Wahl. Rauchen ist die schlimmste aller Süchte. Du wirst nie damit aufhören können, ohne fremde (meine) Hilfe.“

Challenge accepted!

So meine Reaktion. Es war mir eine riesige Freude, als ich ihn vor einiger Zeit wieder sah, um ihm erzählen zu können, dass ich nicht mehr rauche.

Und ja, es gab noch viele andere Faktoren und Menschen und Erfahrungen und Einsichten, die dazu beigetragen haben, dass ich heute keine Zigaretten mehr rauchen muss oder will. Aber diese eine Unterhaltung, diese kleine Bemerkung am Rande, fällt mir immer wieder ein. Vor allem, wenn mir jemand erzählt, dass etwas nur so, und genau nicht anders zu sein hat.

Aber diese Wahlfreiheit ist oft auch sehr erschreckend für mich. Weil sie mir keine Wahl bei einer anderen Sache lässt: ich bin allein verantwortlich für mich und mein Leben.

Ich kann niemand anderen verantwortlich machen für mein Unglück, meine Gefühle oder was auch immer mir passiert. Wenn ich akzeptiere, dass ich eine Wahl habe, dann erst akzeptiere ich meine eigene Verantwortung für mein Leben.

Die schlimmste der Illusionen für mich ist, dass es uns so viel einfacher scheint, andere Menschen, die Umstände und unsere Vergangenheit für uns verantwortlich sein zu lassen. Dass es unsere Entscheidungen waren, dass wir eine Wahl hatten, das blenden wir zu gerne aus.

Huih, jetzt ist es schon um Acht!

Hab meiner Tochter etwas versprochen, was ich nun einlösen möchte. Und sage deshalb hier schnell Ciao und wünsche Euch einen erholsamen Samstag!

Veröffentlicht von Arne Krueger

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