Atemübung

Berlin, 6:59, Tag 799

Heute Nacht hat mich ein plötzlich grosser Hund gebissen. Ich rang ihn mit meinen blossen Händen nieder, brachte ihn fast um. Sofort bereute ich und brachte ihn in meinen Armen in die Notaufnahme der Charité. Ein riesiger Notfallsaal, irre hoch und weit und mit ganz vielen Stationen. Ich hatte den Arzt noch am Telefon, der mir den Weg wies. Der Hund lebte und aus dem Fell in meinem Arm wurde mit Hilfe des Tropfes wieder ein Hund. Er schaute mich an. Ich wusste, wir hatten uns gefunden. Und wachte zur üblichen Zeit auf. Jetzt klingt es wie ein Alptraum, fühlte sich vorhin nicht so an.

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Heute schreibe ich nicht darüber, dass mir Beziehungen zu anderen oft wichtiger sind, als ich selbst. Nein, ich schreibe heute nicht darüber, dass ich eher mich selbst, als die Beziehung aufgeben würde.

Auch diese Story möchte ich als das erkennen, was sie ist. Eine Illusion meines Geistes, meines Egos, meiner Vorstellung von einem eigenständigen Selbst, dass eine Wahl hätte, in Beziehungen zu anderen zu sein oder auch auch nicht und nicht sieht, dass es gar keine Unterscheidung gibt.

Also, darüber möchte ich heute nicht schreiben.

Statt dessen wollte ich heute darüber schreiben, wie ich schaffe, bei der Meditation meinen Atem zu zählen, ohne ihn zu beeinflussen. Die Konzentration auf den Atem ist mir ein wichtiges Hilfsmittel geworden.

Atmen beruhigt mich, es konzentriert mich, es macht mich glücklich, es lässt mich lächeln, wenn ich einfach mal ein- und wieder ausatme und dabei an nichts anderes denke, als diese Atemzüge.

Atmen ist Nothilfe, ein Rettungsanker, der Verband bei Problemen jeglicher Art, wenn ich es schaffe, mein Atmen zu spüren, wie sich meine Lungen füllen und wieder leeren, wenn ich fühlen kann, wie die Luft meine Nase berührt und durchzieht, dann relativiert sich jeder Schmerz.

Viele, die ich kenne, können ihren Atem zählen, aber gleichzeitig kontrollieren sie ihn dabei bewusst. Sie marschieren ihren Atem: 1-2-1-2-1-2.

Ja, das ist ein Beginn, schon mal was. Aber richtig toll wird es erst, wenn ich es schaffe, meinen Atem zu beobachten. Nur zu beobachten, wie es mich unbewusst atmet. Ich hab lange dazu gebraucht, ehe ich in der Lage war, dieses Wunder meines Atems so zu geniessen.

Nun glaube ich nicht an Abkürzungen, aber dies hier ist eine Übung, die mir wirklich geholfen hat, meinen Atem beim Zählen nicht mehr zu kontrollieren.

Macht mal mit: Atmet bitte einfach mal aus. Und wartet dann… … …

Es gibt bei diesem Warten, da unten ohne Luft einen Punkt, an dem Euer Körper Euch einen Atemimpuls sendet. Einen klitzekleinen Moment, an dem ihr gerne wieder einatmen würdet.

Nur diesem Moment gilt Eure Konzentration. Gebt ihm nach und atmet wieder ein.

Nun nochmal. Einfach ausatmen und warten… … …

Da ist er! Dieser kurze Moment, an dem der natürliche Atem einsetzen würde, wenn ihr nicht zählen müsstet, wenn ihr nicht darauf achten solltet.

Ich glaub, ihr habt es jetzt.

Diesen Moment zu erspüren, ist sehr nah dran, am reinen Beobachten und Zählen des Atems, wie es viele Meditationschulen lehren und wie so wenige es schaffen.

Nun wünsche ich Euch beruhigt und erfrischt einen wunderbaren Freitag!

Veröffentlicht von Arne Krueger

co-founder of http://mtc.berlin · info tech service provider · zazen · horsemanship · photography

2 Kommentare zu „Atemübung

  1. Arne, großartiger post, you made my day:-)

    Nimm dies als das, was es ist, messe zukünftige posts nicht an dem heutigen, dessen Klarheit ist tapfer erkaempft an mindestens 799 Tagen zuvor, freue mich, dich auf deinem Weg zu begleiten;)

    Heute fiel mir folgendes zu:

    ‚So viele Menschen leben im Exil ihrer Möglichkeiten und gehen auf der Suche nach der verlorenen Heimat einen Irrweg nach dem anderen- und finden keine Ruhe.

    Rastlosigkeit ist ein Zeichen zu großer Entfernung vom inneren Zuhause. Unruhe ist eine Art Verzweiflung ueber die Entfremdung vom wahren Selbst.‘

    Hans Kruppa (aus dem Gedichtsband „Zauber der Seele“

    Dachte spontan „An den Osterbergen“, feiern wir doch nicht jeden Morgen auf Meditationsmatte und Baenkchen eine Art kleiner „Auferstehung“?

    Auch eine Art „Zuhause“, egal wo wir auch gerade sind…

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