Tonglen

Istanbul, 5:03, Tag 779

Heute Nach war ich mit meiner Familie in einer Fabriketage, wir wohnten da, hatten uns eingerichtet. Wir schliefen eine Nacht, ich wachte zeitig auf, meine Morgenroutine war mir unbekannt. Dann wachte ich mitten in der Nacht auf… wollte mir Details des Traumes ohne Notiz merken. Tsss.

Danach träumte ich von einem Spaziergang mit Kollegen aus dem Büro und Tony. Wir waren in einem Moor, markierten den Weg mit Holzlatten, die man durch die feste aber federnde, oberste Schicht treiben musste. Später kletterte ich durch das Treppenhaus der Fabriketage, das total zerfallen war. Über Eisenbewehrung aus dem zerbröselndem Beton, benutzte halsbrecherisch Leitern, musste über Riesenlöcher. Auf jeder Etage gab es unterschiedlichste, schöne Wohnungen, alles WG’s. Die Bewohner wachten langsam auf und klettern mit uns eine Holzleitern runter, wir hoch und sie redeten mit uns. Aber eher wie Zootiere über Zoobesucher reden. Sie waren es offenbar gewohnt, dass die anderen Hausbewohner durch ihre Flure klettern mussten. Ich wachte wieder auf. Es ist immer noch sehr zeitig.

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Habe mich schon beim ersten Aufwachen darauf gefreut, gleich hier zu schreiben. So weit, so gut!

Gestern und auch heute spielte mein Zorn wieder mal eine grosse Rolle. Eine Angewohnheit, eine Gewohnheit. Wenn etwas nicht nach meinen Vorstellungen, meinen Erwartungen entsprechend läuft, reagiere ich erst ärgerlich, ablehnend und wenn ich damit nicht weiter komme, dann gar zornig. Das Gefühl umklammert mich, ich verliere die Kontrolle, die Entscheidungsmöglichkeiten, der Zorn übernimmt mich.

Es fühlt sich danach schrecklich an. Ich brauche Zeit, da wieder raus zu kommen, ein Spaziergang, Ortsveränderung, andere Menschen, irgendeine körperliche Tätigkeit. Danach gibts meist Trauer und Leere und Apathie. Eine Gefühl der Machtlosigkeit, der Kater des Kontrollverlustes.

Dabei bin ich doch ein Optimist, schaue positiv aufs Leben, glaube immer an Veränderung, Entwicklung. Will lernen, lerne jedes mal, reflektiere, nehme an, schaue hin. Doch fehlen mir die genauen Muster, die Wendepunkte. Ich hab da kaum Zugriff drauf. Wenn der Zorn mich übernimmt, fühlt sich das an, wie im Rausch. Ach, das ist die Verbindung…

Eines weiss ich sicher, positiv ist Ärger und Zorn nicht. Sich darin zu verlieren, löst Leid und Schmerz in mir und dann in anderen aus. Ziehe ich die Wertung davon ab, bleibt Energie. Nehme ich das Ego aus der Gleichung, dann bleibt Klarheit übrig. Klarheit ist nicht im Rausch, aber kurz davor und sicher eine Weile danach!

We breathe in what is painful and unwanted with the sincere wish that we and others could be free of suffering. As we do so, we drop the story line that goes along with the pain and feel the underlying energy. We completely open our hearts and minds to whatever arises. Exhaling, we send out relief from the pain with the intention that we and others be happy.

Schreibt Pema Chödrön in The Places That Scare You: A Guide to Fearlessness in Difficult Times, das Buch, welches ich schon seit geraumer Zeit langsam lese.

In dem Kapitel mit diesem Zitat, wird eine schöne Meditationsübung beschrieben: Tonglen, was übersetzt etwa Geben und Nehmen oder Empfangen und Senden heisst.

Sie beginnt mit einem einem Moment der Offenheit, der Leerheit. Ich stelle mir dabei manchmal einen grossen leeren Raum vor. Eine riesige Halle mit einer dunklen Decke, die flach aber fast unsichtbar ist, wie ein schwarzer Nachthimmel. Der Raum weitet sich. Ich werde kleiner in einer der Ecken, die Wände entfernen sich von mir, die Perspektiven verschieben sich.

Im zweiten Schritt konzentriere ich mich auf meinen Atem. Wenn ich laufe, synchronisiere ich meinen Atem mit meinen Schritten. Meist: eins, zwei, drei beim Einatmen, dann eins, zwei, drei beim Ausatmen. Das dauert einen kleinen Moment, ehe Schritte und Atem synchron laufen.

Beim Sitzen geht es darum, dass man den Atem nicht kontrolliert beim Zählen, sondern sich atmen lässt. Eine Hilfe hierbei ist es, dass ich ausatme und dann ruhig warte, bis mein Einatemimpuls von alleine kommt. Wenn man ausatmend wartet, gibt es einen Moment, an dem man einfach von selbst wieder atmen möchte. Wenn ich mich nur auf das Erfühlen dieses einen Momentes konzentriere, kann ich die Kontrolle über meinen Atem abgeben. Und ihn dann in der Folge einfach zählen.

Beim Tonglen atme ich den Schmerz ein, den ich empfinde oder sehe oder an den ich mich erinnere. Genau nur den Schmerz den mein Ärger, meine Wut oder mein Zorn bei mir verursacht. Ich renne nicht weg, unterdrücke diesen Schmerz nicht, nehme ich wahr, erkenne seine Existenz an. Dann atme ich ihn ein. Dabei stelle ich mir dicke, schwere, heisse, dreckige Luft vor, die meine Lungen füllt. Und ich atme in meine Großzügigkeit, in den freien Raum wieder aus. Beim Ausatmen strömt nun frische, leichte, kühle, saubere Luft aus mir. Hier liegt für mich der Schlüssel des Tonglen, dies ist mein Bild, meine Vorstellung der Transformation in mir.

Wenn ich in dieser Atemtransformation eine Balance gefunden habe, wenn ich spüre, das Ein- und Ausatmen im Gleichgewicht, regelmässig geworden sind, dann überlasse ich diese Bilder sich selbst. Dann stelle ich mir die Schmerzen, den Ärger, die Wut und den Zorn von anderen Menschen vor, und wie ich deren Schmerz einatme und wie ich Linderung ausatme.

Als ich das letzten Freitag auf dem Weg zum Zahnarzt ausprobiert habe, sah ich das Bild einer Frau, die einen streunenden Hund am Bauch streichelte. Mitten im Ausgang der Istanbuler Metro, an der ITU Station. Andere Menschen liefen meist achtlos vorbei. Ich hatte meine Konzentration nicht auf einen bestimmten Menschen gerichtet, sondern einfach auf jeden, den ich gerade während der Fahrt sah. Danach fühlte ich mich beschwingt und leicht und froh. Es fühlte sich an wie eine Lösung, wie die Lösung.

Bis ich wenige Stunden, Tage später, wieder die Kontrolle verlor. So geht das schon eine ganze Zeit lang, eigentlich mein ganzes Leben. Im Kopf ist irgend eine Klarheit, da weiss ich meist, was ich grad mache. Aber im alltäglichen Leben, tappe ich immer wieder in die gleichen selbstgestellten Fallen. Leben ist Leiden, hatte der Buddha wohl schon vor 2.500 Jahren mal gesagt, fällt mir in den letzten Tagen immer wieder ein. Echt jetzt, das war damals schon so? Uffja!

So, jetzt sind die tausend Zeichen erreicht. Als ob ein Stau sich löst, gleich am zweiten Tag. Ich erinnere mich, warum ich das hier Schreibmeditation genannt hab. Sicher ’nen schweres Thema für nen Samstag, musste aber sein!

Nun mach ich gleich Pfannkuchen!

Die Erdbeeren habe ich schon geschnitten und gezuckert.

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Gleich sind beide Mädels wach und ich kann in der Küche richtig Krach machen und unser Frühstück vorbereiten. Habe das vor vier Wochen beschlossen, dass ich eine neue Tradition einführe, einfach jeden Samstag fluffige Eierpfannkuchen zu brutzeln.

So, aber nun wünsch ich Euch erst mal einen fluffigen Samstag!

Veröffentlicht von Arne Krueger

co-founder of http://mtc.berlin · info tech service provider · zazen · horsemanship · photography

2 Kommentare zu „Tonglen

  1. Ja so geht ves mir auch oft – auch nach 21 Jahren Zen-Meditation, kann es passieren, dass meine Ungeduld, Ärger und Wut auslöst und da wieder rauszukommen hilft auch mir hinsetzen und den Atem zu beobachten. Tonglen kenne ich auch, doch das übe ich leider zu wenig, dabei ist es so einfach…
    Liebe Grüsse nach Istanbul Erwin

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